Der Sonnenschirm war nicht nur Schattenspender, wie sein gleichnamiger Vetter von heute, der eine ganze Tischrunde überspannt. Der Parasol, wie wir ihn zur Unterscheidung nennen wollen, schützte zwar auch vor Sonne, aber individuell - und war zu seiner Zeit auch ein Stück damenhafter Eleganz, das, virtuos gehandhabt, Zeichen zarter Gefühle zu setzen wußte. In China und Japan, in Indien, Persien und Ägypten brachte er es neben seiner eigentlichen Funktion sogar zum Herrschaftssymbol. Ganz soweit gedieh er hierzulande nicht.

Immerhin: In seinem Erinnerungsbuch "Potsdamer Tage" erzählt Heinz Werner Hübner von einer Großtante, einst Hofdame, die in einem ihrer Zimmer eine Sammlung von Sonnenschirmen hütet. Damals waren Sonnenschirme schon aus der Mode gekommen, wie Hübner schreibt: "Selten einmal sah man an heißen Sommertagen eine alte Dame, die, begleitet von ihrer Zofe, sich mit einem solchen Gegenstand aus vergangenen Tagen vor den Sonnenstrahlen schützte. Die Farbe der Zeit war Braun, und im Sommer sollte es auch die Haut sein "

Das war im Jahr vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. Ihn hat der Sonnenschirm auch in seinen letzten Exemplaren nicht überdauert. In Mitteleuropa war er bis zum Schluß klassengebunden. Denn jahrhundertelang war der soziale Status der Frau an ihrer Gesichtsfarbe ablesbar. Sie verriet, ob sich die Frau Luft und Sonne aussetzen mußte, weil die Arbeit im Freien das erforderte, oder ob Salon und Sonnenschirm dem Gesicht die natürliche Hautfarbe erhielten. Man nannte das vornehme Blässe.

Der Sonnenschirm galt dem Regenschirm gleichberechtigt, solange das, was der Himmel auf die Köpfe der Menschen herabbeschwor, von ihnen als gleich lästig empfunden wurde, ob das nun ein Regenschauer oder Sonnenhitze war. Als die Sonnenanbetung im neuen Jahrhundert von der Reformbewegung unter der Parole "Licht, Luft und Sonne braucht der Mensch" zum allgemein anerkannten Ritual wurde, blieb nur der Parapluie nach, wenn auch die menschliche Epidermis Blasen warf.

Die Verbreitung des Sonnenschirms in jenen Kreisen, die ihn sich erlauben konnten, mußte noch andere Ursachen gehabt haben, als sich die natürliche Hautfarbe zu erhalten oder sich vor unerträglicher Hitze zu schützen. Der Instinkt ging der Erkenntnis voraus, daß unser Zentralgestirn, obwohl bedeutungslos in der Galaxis, bei uns persönlich geschrumpelte Haut oder Schlimmeres bewirkt. Ozonwarnungen im Radio lagen noch in ferner Zukunft. Daß der Sonnenschirm eine höchst vernünftige Einrichtung war, sollte sich erst erweisen, als es ihn nicht mehr gab und die Hautbräunung als Ausweis für den gelungenen Urlaub galt.

Schon 1842, als der Parasol gang und gäbe war, mußte sich die ihm zugrundeliegende praktische Vernunft bübischer Attacken erwehren, wie im "Struwwelpeter" des Arztes Heinrich Hoffmann nachzulesen ist: "Es ging spazieren vor dem Tor ein kohlpechrabenschwarzer Mohr. Die Sonne schien ihm aufs Gehirn da nahm er seinen Sonnenschirm" heißt es in der "Geschichte von den schwarzen Buben". Eine durch und durch vernünftige Handlung; aber jedermann weiß, wie böse Buben auf die Andersartigkeit ihres schwarzen Spielkameraden reagierten. Weil es die Moral gebot, wurden sie dafür gehörig bestraft.

Dem Sonnenschirm hat diese Moral des immergrünen StruwwelpeterBuches nicht zu unbeschränkter Existenz verhelfen können. Das Ozonloch jedoch könnte dem Parasol zur Renaissance gedeihen.