Friedrich Wilhelm II. kam der Geisterstimmen wegen, Josef Peter Lenné schuf hier einen Teil seiner Kulturlandschaft „Insel Potsdam“, Kronprinz Wilhelm, der spätere Kaiser, wurde von seiner Amme im Park spazierengefahren. Zuletzt diente Schloß Marquardt als Refugium vergnügungssüchtiger Ufa-Stars, bis alles in der Tristesse der Deutschen Demokratischen Republik versank.

„Fünfzig Jahre lang“, klagt der ABM-Gärtner, der den Besuchern Marquardts freudig Auskunft erteilt, „haben die hier alles verkommen lassen. Die Parkanlage wieder in den alten Zustand zu versetzen kann noch Jahre dauern. Dabei laufen unsere ABM-Stellen im Frühjahr aus. Wenn bis dahin nicht über die Zukunft Marquardts entschieden wird, dann war all die Mühe umsonst, und unsere Aussichten sehen auch nicht gerade rosig aus.“ Wie der Park allerdings in den letzten Tagen der DDR ausgesehen haben mag, kann man sich angesichts des immer noch katastrophalen Zustands kaum vorstellen.

Marquardt, ein kleiner Ort nicht weit von Potsdam am Ufer des Schlänitzsees, einer Ausbuchtung der Havel, zählt an die tausend Einwohner. Seit die LPG Obstproduktion, in der ganz Marquardt beschäftigt war, aufgelöst ist, richtet sich alle Hoffnung auf das Schloß, das von jeher erster Wirtschaftsfaktor am Ort war. Nach dem Willen aller, also der Gemeinde, der Treuhand Brandenburg sowie des Brandenburgischen Landesamts für Denkmalpflege, soll es wieder, wie vor dem Krieg, zum Hotel werden und der Gemeinde neben Arbeitsplätzen auch Steuern einbringen.

Das „Hotel Schloß Marquardt“ hatte Kempinski 1932 als ländliche Dependance seines Berliner Hauses eröffnet und so berühmt gemacht, daß West-Investoren bereits vor der Wende mit der Wiedereröffnung des heruntergekommenen Gebäudes liebäugelten, wie das eine Kostenschätzung vom Mai 1989 belegt. Ausgegraben hatte die Westberliner Hotelgruppe Esplanade das Objekt und gehofft, es in der ersten Aufschwung-Euphorie für drei Millionen Mark zu bekommen.

Die Treuhand aber verlangte nach der öffentlichen Ausschreibung – mit Erfolg. Der zuständige Treuhänder Marquardts nennt das Schloß einen Renner. Konzepte für Kongreßzentren, Sanatorien oder feine Restaurants, sogar für eine Spielbank wurden vorgelegt. Den Zuschlag erhielt dann die Esplanade-Gruppe, weil sie, wie es heißt, über das nötige Know-how und genug Kapital verfüge – zum Preis von zehn Millionen Mark. Mit dem hohen Preis begründen die Investoren denn auch, warum hier kein privat-verträumtes Landhotel entstehen werde, sondern sich ein gigantischer Hotelapparat mit 200 Zimmern entfalten müsse. Samt Restaurant und Fitnesseinrichtungen, die unterbewegten Berliner Managern täglich für 600 Mark ein Antistreßprogramm empfehlen, ist er so groß, daß er einen um das Mehrfache größeren Neubau verlangt. Der soll gleich nebenan auf dem Gelände des alten Wirtschaftshofes entstehen. Da die Reste der Wirtschaftsgebäude unter Denkmalschutz stehen, wird das kein einfaches Unterfangen; sie lassen sich schwerlich in einen Komplex dieser Größe einfügen. Das Schloß selber schließlich würde sich wie ein Nebengebäude des neuen Hotels ausnehmen. Mit vier Geschossen würde der an der Dorfstraße gelegene Hotelkomplex die einstöckigen Marquardter Häuser weit überragen. Wenn das Schloß auch immer wieder ein berühmter Anziehungspunkt war, lag es doch versteckt im Park und wendete sich abseits des Ortes dem Schlänitzsee zu. Es hat seine Umgebung nie übertrumpft.

Anfang des 18. Jahrhunderts hatte Friedrich I. den Besitz seinem Obermarschall Ludwig Marquardt von Printzen geschenkt. Er gab dem Gut seinen Vornamen und baute das Herrenhaus zu einem Barockschloß um. Hans Rudolf von Bischoffswerder wiederum, General und Minister Friedrich Wilhelms II. und neuer Eigentümer, erweiterte es und verschaffte ihm mit seinen, auch vom König besuchten Séancen, Berühmtheit. Der kam über einen versteckt am See entlangführenden Weg, der dann auch bald der „Königsweg“ hieß, nach Marquardt, wo man sich in einer mit blauen Lasursteinen ausgelegten Grotte traf. Den schlechten Ruf, der sich bald um den Rosenkreuzler Bischoffswerder als einen Günstling des Hofes bildete, hat dann Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ widerlegt. „In diese blaue Grotte, deren Licht- und Farbeffekt ein wunderbarer gewesen sein soll“, liest man bei ihm, „trat man ein; der König nahm Platz. Alsbald wurden Stimmen laut; leiser Gesang, wie von Harfentönen begleitet. Dann stellte der König Fragen, und die Geister antworteten. Jedesmal tief ergriffen, kehrte Friedrich Wilhelm ins Schloß und darauf nach Potsdam zurück.“ Behaupten die Feinde des Ministers, er habe auf diese Weise den König beeinflußt, sieht Fontane in ihm den Anhänger des Rosenkreuz-Ordens, der selber an derlei Erscheinungen glaubte. Später allerdings fand ein Nachbesitzer eine Doppelwand in der Grotte, hinter der wohl all die Stimmen und Geistererscheinungen produziert worden waren.

Die nächste Generation beauftragte Peter Joseph Lenné mit der Erweiterung des Parks. Eine Skizze aus dem Jahr 1823 zeigt den Schloßgarten, der sich als Rechteck zwischen der Dorfstraße und dem See erstreckt. Der Wirtschaftshof und die Kirche liegen an der Straße. Auf das Schloß führt eine gerade, breite Auffahrt zu, so daß auch heute zwei Mercedes-Wagen der S-Klasse – und nur derlei Typen sollen hier künftig verkehren – locker aneinander vorbeirauschen können. Der Plan läßt auch den Königsweg erkennen, der am Rande des Parks entlangführte und ein Teil des Verbindungsweges zwischen den königlichen Schlössern Potsdam und dem nahe gelegenen Paretz war. Ein engmaschig geknüpftes, organisch wirkendes Wegenetz durchzieht die Anlage. Buschwerk und Baumgruppen sind in den Plan ebenso verzeichnet wie die wichtigen Sichtachsen. Von der Lennéschen Gestaltung ist heute freilich nicht mehr viel auszumachen.