Ein Affront ist dieser Film. Seine Devise lautet: Man muß die Frauen töten, solange sie schön sind. Entdecken, verfolgen, erschießen, erstechen, erwürgen. Eine Provokation, ein Skandalon ganz im Sinne der Surrealisten, die in den zwanziger Jahren forderten: "Man muß seine Mutter prügeln, solange sie jung ist." (Paul Eluard)

Inzwischen bleibt ja alles irgendwie im Rahmen; jeder Übertritt einer Grenze dient bloß zu deren Erweiterung. Eine der letzten Ausnahmen: der Tod. Da ist, jedenfalls dem gesellschaftlichen Schein nach, nur wenig Spaß gestattet. John McNaughton macht sich dieses Tabu zunutze. Er rührt an den Schlaf unserer moralischen Phantasie, indem er das, was im Grunde akzeptiert ist, sofern es nur am (geographischen oder gesellschaftlichen) Rande passiert, direkt ins Zentrum rückt. Sein Film wird zum Ärgernis, weil er das Amoralische jenseits jeder Moral anschaut, das Unvorstellbare, ganz nüchtern und direkt. Alles, was geschieht, kann auch gezeigt werden. Oder anders, mit Salvador Dalí, der es auf einen schlichteren Punkt brachte: "Wer sich nicht ein Pferd auf einer Tomate vorstellen kann, ist ein Idiot."

Gedreht wurde der Film schon 1986. In den Kinos hatte er damals keine Chance. Die amerikanische Zensurbehörde war nicht bereit, ihn freizugeben. So tauchte er da und dort auf einzelnen Festivals auf, was seinen Ruf keineswegs schmälerte. "Henry" präsentiert, ohne zu erklären oder zu entschuldigen, Szenen eines schwarzen Alltags: Ein Mann lebt und arbeitet – und tötet, nebenbei. Eines Tages ist er, eher durch Zufall, eingebunden in eine familienähnliche Situation; das macht ihn nicht ruhiger. Im Gegenteil, er fühlt sich, als er gefordert wird, noch stärker in die Enge getrieben. So löst er das Problem am Ende auf seine Weise.

Eine Lektion in Mord und Totschlag mutet einem der Film zu, eine Einübung in den Terror des Hochgefühls. Er möchte irgend jemanden umbringen, sagt Henrys familiärer Freund einmal. Woraufhin Henry sofort anspringt: "Komm, laß uns spazierenfahren!" Sie touren durch die Stadt, halten irgendwo am Rande einer Straße und stoppen irgendeinen der ihnen folgenden Wagen. "Braucht ihr Hilfe?" Henrys Reaktion: die Frage an den Freund. "Otis, brauchst du Hilfe, oder schaffst du es allein?" Der beginnt zu lachen, greift zu seiner Waffe und schießt. Henry danach: "Fühlst du dich jetzt besser?" Otis nickt. Und Henry beginnt, sich nicht länger allein zu fühlen.

Der Zusammenhang von Gewalt und Sexualität ist offensichtlich, doch McNaughtons Film führt keine Diskussion darüber. Er registriert bloß, betont lakonisch, wie unruhig Henry gelegentlich wird. Eigentlich müßte er dann mit einer Frau zusammenkommen. Was er auch tut, nur nicht im üblichen Sinn. Er trifft seine Frauen, um sie zu töten, kurz und bündig. Die Lust dabei und danach bleibt ausgespart. Es gibt lediglich Andeutungen dessen, was ihn treibt und quält. Einmal erklärt er, als Kind habe er immer zuschauen müssen, wie seine Mutter mit fremden Männern schlief, und dabei Mädchenkleidung getragen; und wenn er sich habe weigern wollen, sei er geschlagen worden. Dabei verheddert er sich aber mehrfach. So daß all diese Erklärungen auch bloß als Finte dienen könnten, die sein eigentliches Geheimnis nur noch tiefer vergraben sollen.

Der französische Strukturalist Roland Barthes hat einmal bekannt, daß er sich eine Zeitlang für alles Binaristische begeistert habe, daß die Idee, "alles mit einer einzigen Unterscheidung sagen" zu können, "eine nicht endende Verwunderung" in ihm erzeugt habe. In einem radikalen Sinn hat McNaughton genau darüber seinen Killerfilm gedreht. Henry (Michael Rooker) ergötzt sich am Disjunktiven seines Tuns: "Entweder sie oder ich. Du weißt, was ich meine." Er kennt nur die Langeweile oder die Angst; beides ist ihm zuwider. So wählt er stets den Tod. Mit einer Frau Zusammensein heißt für ihn: als Mann zu versagen und dennoch als Mann sich bewähren zu müssen. Es heißt: maulen oder morden.

Als Becky (Tracy Arnold) schließlich Ernst machen will mit ihrem Wunsch nach einem neuen Zuhause mit Henry und ihrer Tochter Laura Lee, zieht er die einzige Konsequenz, die ihm sinnvoll erscheint. "Ich liebe dich", sagt sie – wie Susan Hayward früher bei Henry King. Seine knurrige Antwort, wie von Tyrone Power oder Gregory Peck: "Ich glaube, das tu’ ich auch." Kurz darauf jedoch schickt er sie schlafen, was früher weder Power noch Peck eingefallen wäre. Am nächsten Morgen rasiert er sich in Ruhe, steigt ins Auto und fährt allein davon. Unterwegs hält er kurz und stellt ihren strahlendblauen Koffer in den Straßengraben – er ist blutverschmiert.

Die berüchtigte Kritikerfrage à la Reich-Ranicki, Daumen rauf oder runter, ist bei "Henry" noch unangebrachter als sonst. Selbstverständlich ist der Film nicht jedem zu empfehlen. Läßt man sich aber ein auf dieses unverschämte Killer-Dokudram, ist man danach vielleicht nicht mehr derselbe. Norbert Grob