Von Wilfried Kratz

Das Ableben von Taurus „ist keine gute Nachricht für London“, meint John Bond, Chief Executive der HSBC Group, mit britischer Untertreibung. Das Ende des elektronischen Systems zur Abwicklung des Aktienhandels, Taurus (Transfer and Automated Registration of Uncertificated Stock), ist auch keine gute Nachricht für HSBC selbst, denn diese in Hongkong und London ansässige internationale Bankengruppe hat etwas über eine Million Pfund in ein System gesteckt, das der Vorstand der Londoner Wertpapierbörse unter Zeichen der Verlegenheit nach jahrelangen Versuchen nun endgültig begraben hat. Die Börse als Institution und die übrigen Teilnehmer am Londoner Aktiengeschäft haben eine bis auf 400 Millionen Pfund geschätzte Summe verschwendet, um herauszufinden, daß Taurus zu viele widerstrebende Interessen vereinen wollte, zu kompliziert oder technisch gar undurchführbar ist.

Die Presse bezeichnet die Einstellung des Projekts Taurus fast einhellig als ein Fiasko. Klar wird an diesem Beispiel nach Ansicht der Times unter anderem, daß die „von einem falschen Glanz umgebenen und häufig überhonorierten Finanzdienste keineswegs unanfällig sind gegen Mißmanagement, das so viele einst große Industrieunternehmen der Nation zerstört hat“. Der größte Schaden für den Finanzplatz London „wird nicht in Zeit und Geld gezählt, sondern drückt sich im Ansehen aus, ein noch wertvolleres Gut in der Finanzwelt“.

Banken und Makler reagierten ärgerlich. „Ganz Europa lacht uns aus“, erregte sich ein Bankier der Chase Manhattan. „Wir haben ein der Dritten Welt würdiges Abrechnungssystem in einem erstrangigen Finanzzentrum.“ Börsenvorsteher Sir Andrew Hugh Smith sprach von einem „schweren Schock“, der aber nicht ihn, sondern seinen Hauptgeschäftsführer Peter Rawlins wegfegte. Der ob seiner siegessicheren Anmaßung mit dem Spitznamen Napoleon belegte Funktionär trat zurück. Mit ihm wurden 220 Angestellte der International Stock Exchange (Wahlspruch: „Führend in Europa“) auf die Straße gesetzt und noch einmal 130 von außen für Taurus engagierte Experten nach Hause geschickt. Auch Schadenersatzforderungen stehen der Börse noch ins Haus.

Dabei sollte Taurus die Revolution im Aktienhandel von 1986 ergänzen. Damals verschwand in einem „Urknall“ (Big Bang) die für London typische umständliche Arbeitsteilung im Aktienhandel und damit auch das altbekannte Börsenparkett mit den geschäftig gestikulierenden Brokern und Jobbern samt der riesigen Kursanzeigetafeln. Statt dessen entstand der „Markt“ in den klimatisierten Handelsräumen der Banken und Makler, wo die (meist jungen) Händler, vor ihren bunten Bildschirmen sitzend, mit Knopfdruck und per Telephon Kurse bewegen und Geschäfte abschließen. Auf dieses neuartige Verfahren folgt dann aber die bürokratische Abwicklung der Geschäfte nach alter Art. Der Kontrast kann kaum größer sein. Hier die modernste elektronische Technik, die mit Sekundenschnelle genutzt wird. Anschließend die träge Papierarbeit, die sich über drei Wochen hinziehen kann. Andere Börsenplätze kennen längst kürzere Abrechnungsperioden von drei Tagen.

Freilich gibt es in London einige Besonderheiten. Zum Beispiel erhalten die Aktionäre Zertifikate, die mit ihrem Namen und ihrer Adresse versehen sind. Diese Urkunden verbriefen das Eigentum. Die Verzeichnisse werden von den Banken im Auftrag der Aktiengesellschaften geführt. Die Geldinstitute nehmen auch die Umschreibungen vor, versenden Geschäftsberichte und sonstige Informationen.

In anderen Ländern wird der Aktienbesitz nur in einer Art Kontoauszug bestätigt. London wollte nachziehen und ebenfalls eine schnelle, bequeme Form der Abrechnung und Abwicklung schaffen – mit Taurus. Aber die vielfältigen Interessen waren nicht unter einen Hut zu bringen. Die Banken sorgten sich um ihr Geschäft. Die Aktiengesellschaften wollten sich hingegen nicht ohne Not die Möglichkeit nehmen, die Identität der Aktionäre feststellen zu können, um Aktienaufkäufen als eventueller Vorbereitung einer Übernahme schnell auf die Spur zu kommen.