Von Mario Müller

Otmar Issing hat seinen Traumjob gefunden. Als Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bundesbank sitzt der knapp 57jährige Wirtschaftsprofessor auf einer der einflußreichsten und angesehensten Positionen, die in diesem Lande zu vergeben sind. In der Frankfurter Führungscrew zuständig für die Abteilung Volkswirtschaft und Statistik, sorgt "Chefnavigator" Issing sozusagen für die Streckenplanung, nach der die Währungsbehörde ihren geldpolitischen Kurs steuert.

Doch inzwischen muß auch Issing erkennen, daß er nicht auf einem Traumschiff arbeitet. Nicht genug, daß die Bundesbank im In- und Ausland kritisiert wird, mit ihrer Hochzinspolitik die Konjunktur und das Europäische Währungssystem auf Grund laufen zu lassen. Es wachsen auch die Zweifel, ob die Bundesbank-Spitze überhaupt noch über einen verläßlichen Kompaß für ihre monetären Manöver verfügt und ob sie ihre eigene Strategie noch ernst nimmt. Issing ist gefordert.

Selbst professionelle Beobachter der Bundesbank zeigen sich bei der Lektüre des geldpolitischen Logbuchs einigermaßen irritiert. Hans-Helmut Kotz, Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Deutschen Girozentrale/Deutsche Kommunalbank (DGZ-Bank), hält die jüngsten Frankfurter "Wegweisungen" für "ziemlich deutungsbedürftig". Und die BHF-Bank, deren Chefvolkswirt Hermann Remsperger der herrschenden Linie der deutschen Notenbank sonst wohlgesonnen gegenübersteht, registriert am Finanzmarkt "sichtbares Kopfschütteln" über die verwirrenden Signale aus der Währungszentrale.

Für Konfusion morgen die Entwicklung der Geldmenge und vor allem die jeweiligen Interpretationsversuche ihrer Lenker. Die entscheidende Informations- und Steuergröße der Bundesbank läuft seit geraumer Zeit völlig aus dem Ruder. Diese Abweichungen von der Zielvorgabe sind mehr als ein akademisches Problem. Denn damit gerät nicht nur das Herzstück deutscher Geldpolitik, das Geldmengenkonzept, in Mißkredit. Die Bundesbank setzt auch ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel und stellt diejenigen währungspolitischen Grundsätze in Frage, die sie gleichzeitig als Muster für eine europäische Zentralbank anpreist.

Mit der Steuerung der Geldmenge versuchen die Frankfurter Währungsmanager auf indirektem Weg ihr eigentliches Ziel – Stabilität der D-Mark – zu erreichen. Das Konzept basiert auf der monetaristisch orientierten Lehre, wonach die Preisentwicklung auf mittlerer Sicht vor allem von der Geldpolitik abhängt: Wächst die Geldmenge zu stark, entsteht Inflationsgefahr. Um die einzudämmen, muß die Liquidität durch höhere Zinsen verknappt werden. Diesen Ansätzen folgend, verkündet die Bundesbank seit 1973 jeweils im Dezember, um welche Rate sie die Geldmenge im folgenden Jahr ausweiten will. Dabei soll der Wirtschaft soviel Liquidität zur Verfügung gestellt werden, daß sie wachsen kann, die Kaufkraft der D-Mark aber möglichst erhalten bleibt.

Indem sie jährlich ein Geldmengenziel festlegen, stecken die "Währungshüter" aber nicht nur für sich selbst die Route ab, nach der sie ihre Geldpolitik zu steuern gedenken. Die vorweihnachtliche Verkündigung soll darüber hinaus auch allen gesellschaftlichen Gruppen signalisieren, wo die Fahrt nach Meinung des Zentralbankrats hinzugehen hat. Staat, Unternehmen und Gewerkschaften sollen mithin ihre Entscheidungen an diesem Ziel ausrichten und die jeweiligen Ansprüche an das Sozialprodukt den monetären Vorgaben aus Frankfurt anpassen.