Von Klaus-Peter Schmid

Bourg-en-Bresse

Wahlkampf in Bourg-en-Bresse – war da was? Keine Plakate, keine Flugblätter, keine Straßenstände, keine öffentlichen Diskussionen oder gar Großkundgebungen. Wie alle Franzosen wählen an den beiden kommenden Sonntagen auch die Bürger im 1. Wahlkreis des Ain, des Departements mit der Nummer eins, ihre Abgeordneten in die Nationalversammlung. Doch nur mit Mühe kann man vor den Wahllokalen die Konterfeis einiger Kandidaten entdecken. "Hier herrschen Apathie und Ablehnung gegenüber den Politikern, die Leute scheren sich einen Dreck um den Wahlkampf, weiß ein erfahrener Beobachter in der 40 000-Einwohner-Stadt.

Zwei Stunden mit dem Superschnellzug TGV trennen Bourg-en-Bresse von Paris – doch dazwischen liegen Welten. Plakate kleben sei zu teuer und außerdem nicht ökologisch, heißt es. In der Bresse geht der Kandidat von Rathaus zu Rathaus und macht dem Bürgermeister seine Aufwartung, "weil das die republikanische Tradition verlangt". Was sich der Dorfvorsteher dabei denkt, verbirgt er hinter einem bauernschlauen Lächeln. Manchmal sitzen da auch noch zwei oder drei Beigeordnete, bei der abendlichen Veranstaltung sind dreißig oder vierzig Zuhörer ein ordentlicher Schnitt.

Auf dem Weg durch die Dörfer vergißt kein Kandidat, Tante Emma in ihrem Laden die Hand zu drücken und sie nach dem Stand der Geschäfte zu fragen. Kreuzt ein Bauer auf seinem Traktor den Weg des Politikers, steigt der selbstverständlich aus dem Auto und beginnt ein Gespräch. Der Bürgermeister weist darauf hin, daß die Existenz seiner Schulkantine bedroht ist. "Über Politik reden wir nicht, aber die Leute erzählen weiter, daß sie mich gesehen haben", begründet der Kandidat seinen Eifer.

Die in den Medien heiß diskutierten "großen Themen" kommen hier nicht vor. Kein Mensch interessiert sich dafür, ob Expremierminister Michel Rocard die als "Urknall" angepriesene Neugründung der Linken tatsächlich schaffen wird. Niemand registriert die subtilen Spielchen, mit denen sich die Kandidaten jetzt schon für die Präsidentschaftswahlen in zwei Jahren in Position bringen. Die himmelschreienden Skandale, in die die Prominenten aller Parteien verstrickt sind, werden mit verachtendem Schweigen quittiert. Und ob in ein paar Wochen der Premierminister Giscard, Chirac, Balladur oder Léotard heißt, läßt die Menschen in der Provinz kalt

Allenfalls zwei nationale Themen sind von Belang: die rapide steigende Arbeitslosigkeit und die Zukunft der Landwirtschaft. Das blauweißrote Bresse-Geflügel (blaue Beine, weißes Gefieder, roter Kamm) verkauft sich gut, aber das allein reicht nicht aus, wo landauf, landab die Arbeitsplätze wackeln. Hinzu kommt das Thema Sicherheit, das sich allerdings rasch als Stichwort für ein spezifisches Problem entpuppt. Da hieß es doch plötzlich vor zwei Wochen, aus der Pariser Vorstadt Nanterre würden 600 Zigeuner in ein ausgemustertes Militärlager südlich von Bourg-en-Bresse verlegt. Die Aufregung war um so größer, als offensichtlich der Pariser Finanzminister Michel Sapin damit seinen Wählern in Nanterre eine Freude machen wollte. "Diese Leute verwechseln unsere Geflügelfarmen mit Selbstbedienungsläden", lautete die Rechtfertigung dafür, daß der Zuzug der "unerwünschten" Rumänen wenig zimperlich abgeblockt wurde.