Von Christian Weymayr

Einem Biologen, der in Hamburg promovieren wollte, offerierte der Doktorvater neben einem Thema folgende Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren: Nach dem Motto "zwei Jahre DFG, ein Jahr Arbeitsamt" sollte der Doktorand für die ersten zwei Jahre der Promotion eine halbe Stelle als wissenschaftlicher Angestellter im Rahmen eines Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bekommen und im dritten Jahr Arbeitslosengeld beziehen. Da der Biologe nach Abschluß seines Studiums nun auf eigenen Füßen stehen mußte, sagte er zu, froh darüber, überhaupt eine Stelle bekommen zu haben.

Die wissenschaftliche Arbeit wurde somit zum Teil mit Sozialgeldern bestritten. Ein skandalöser Einzelfall? Die erste Reaktion vom Arbeitsamt ist ein Seufzer: Das sei kein gutes Thema. Hier gebe es eine Grauzone; die Situation werde aber geduldet. Rechtlich sei es in Ordnung, wenn Arbeitslose einen Doktortitel erwerben. Innerhalb der Naturwissenschaften sei dies ein besonderes Problem bei den Biologen in Hamburg. Zur Zeit gebe es mehr als hundert arbeitslose Biologen, von denen grob geschätzt ein Drittel Geld bekomme – eben die Doktoranden. Denn im Grunde müßte das Arbeitsamt diejenigen, die mit einer Promotion zwar älter, aber nicht unbedingt besser vermittelbar würden, zu einer Umschulung verdonnern. Da aber manche auch nicht umschulbar seien, werde ein Auge zugedrückt.

Dem Pressesprecher des Amtes dagegen, der von sich sagt, er habe einen großen Erfahrungsschatz, hat sich dieses Problem noch nie gestellt. Doktoranden müßten verfügbar sein, und er gehe davon aus, daß auch arbeitslose Doktoranden alles dafür tun würden, einen Job zu bekommen.

Manfred Bausch von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Frankfurt beurteilt die Lage realistischer als der Pressesprecher in Hamburg: Seiner Ansicht nach ist die Form, als Arbeitsloser zu promovieren, "recht weit verbreitet". Auf die Frage, ob diese Doktoranden auch Arbeitslosengeld bekämen, antwortet er vorsichtig: Es sei "auch im Leistungsbezug denkbar". Auch könne er sich vorstellen, "daß Professoren das einkalkulieren". Wie hoch die Summe ist, mit der das Arbeitsamt die Forschung sponsert, läßt sich nicht genau sagen. Es dürfte sich jedoch, bei einer monatlichen Zuwendung von tausend Mark pro Arbeitslosen, insgesamt um einen Millionenbetrag handeln.

Indem Doktoranden und Professoren das Arbeitsamt mißbrauchen, können sie die knappen Forschungsgelder strecken, was beiden Parteien, die in einer Art Symbiose leben, zugute kommt. Während der Professor Gelder beantragt, Publikationen schreibt, sich mit der Verwaltung herumschlägt, Studenten unterrichtet und seine Forschungsarbeit plant und lenkt, macht der Doktorand die eigentliche wissenschaftliche Arbeit. Da er nach eigentliche der Promotion einen Titel erhält, gibt er sich mit einer halben oder gar einer Drittelstelle, mehr oder weniger zähneknirschend, zufrieden und nimmt auch den Gang zum Arbeitsamt in Kauf.

Bei der deutschen Forschungsgemeinschaft reagiert man auf solche Nachrichten empört: Eine Dame weiß nichts von einem Mißbrauch des Arbeitsamtes. "Das sieht nach Ausbeutung aus", sagt sie. Eine Doktorandenstelle, bei der es von vornherein hieße: "zwei Jahre DFG, ein Jahr Arbeitsamt", würde sie nie annehmen. Ein Herr von der statistischen Abteilung der DFG gibt zu, daß es im Prinzip möglich sei zu überprüfen, wie lange Doktoranden über DFG-Stellen finanziert werden, da die Namen der Doktoranden auf den Verträgen auftauchten. Um hier etwas Klarheit zu schaffen, hätten sie neun Monate lang die Zahlen von 3000 Akten in die EDV gepreßt, aber dann habe sie angesichts der Datenflut der Mut verlassen – das Projekt wurde aufgegeben. Seinem Eindruck nach weisen jedoch etwa ein Drittel der Stellen Fluktuationen auf. Man könne aber nur spekulieren, was mit den abgesprungenen Leuten passiere. Bekommen sie einen Job, eine andere Stelle, oder werden sie entlassen? Genaues gebe die EDV jedenfalls nicht her, denn sie sei "nicht für politische Aussagen konzipiert".