Von Wolfgang Leachner

Signore Marino steht das Wasser bis zum Hals. „È molto bello! Bello, bello, bello!“ Und taucht noch weiter ein, bis zu seinem Schnauzbart, prustet wie ein Walroß, ehe er den Small talk mit Mrs. Fisher fortsetzt: „In Canada è molto neve adesso? £ freddo?“ – „Si, thirty degrees below zero!“

Strandleben in Varadero, Kuba. In den fünfziger Jahren erholten sich hier amerikanische Millionäre vom Geldscheffeln, in den sechziger und siebziger Jahren kubanische Werktätige von der Revolution. Heute kommt nach Varadero, wem es zu Hause zu kalt, in Barbados zu teuer, in Bahia zu gefährlich und in Florida zu gewöhnlich ist. Heute spricht man in Varadero wieder englisch (und italienisch und deutsch), heute bezahlt man wieder in US-Dollar (ausschließlich).

Das Meer in Varadero: aus der Ferne türkisblau, von nahem durchsichtig wie Glas. Der Sand: weiß und feinkörnig und im flachen Wasser weich wie ein Plumeau. Am Strand wiegen sich die Palmen. Von der Poolbar des Hotels „Sol Palmeras“ weht Saxophonmusik herüber.

Welchen Cocktail Alfredo gerade mischt, erkennen wir mit geschlossenen Augen: „Klack, klack ... psssch“ ist Mojito. (Zwei Eiswürfel, Zucker, Limonensaft, Rum. Mit Mineralwasser auffüllen. Zwei Tropfen Angostura, ein Minzezweig.) „Klack, klack, krrrschsch“ ist Daiquiri. (Eiswürfel, Zucker, Limonensaft, Rum. Alles in den Mixer geben und mixen, bis das Gefäß beschlägt.) „Schrapp ... schrapp, schrapp, schrapp“ ist Coco con ron. (Kokosnuß mit der Machete öffnen, Rum mit der Kokosmilch vermischen.)

Wenn dieses Land Probleme hat – hier sind sie ganz weit weg. Natürlich haben wir in der Zeitung über Kubas Wirtschaft gelesen, daß sie in der Krise steckt, daß es für Kubaner nichts mehr zu kaufen gibt, nichts zu essen und kaum etwas anzuziehen. Doch die Kubaner hier in Varadero sehen glücklich aus und satt. Sie sagen „Yes, Sir!“ und „Your drink, Sir!“ Sie tragen lange Hosen und bunte Hawaiihemden.

Das allerbeste aber: Mit jedem Mojito tun wir was für die Revolution. Wieder zwei Dollar und fünfzig Cent in die leere kubanische Devisenkasse! Ein erhebendes Gefühl: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind wir Touristen die letzte Hoffnung für Fidel Castro. Und wir brauchen uns nicht im Pionierheim zu kasteien wie die Revolutionstouristen der siebziger Jahre. Wir können westlichen Luxus genießen. Das Management unseres Hotels kommt aus Spanien, die Butter aus Kanada und der Käse aus Deutschland. Und wir müssen nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben. Schließlich hat selbst der comandante en jefe die kubanische Revolution vom Appartement eines Luxushotels aus dirigiert. (Das damals „Hilton“ hieß und seither „Habana libre“.)