Von Christian Wernicke

Bonn

Er hatte es ja geahnt, schon damals im Mai. "Schön wäre es", so raunte Klaus Kinkel kurz vor seinem Amtsantritt einem vertrauten Diplomaten zu, "wenn sich ein deutscher Außenminister endlich mehr um die Probleme der Dritten Welt kümmern könnte." Leise schob er seinerzeit noch eine Frage hinterher: Ob er dazu wohl genug Zeit und Kraft haben werde?

Zehn Monate später weiß er die Antwort selbst. Klaus Kinkel schreit sie sich aus dem Leib, von der Seele: "Nein, es macht mich wahnsinnig – aber ich habe nicht genug Kapazität frei, um hier so einzusteigen, wie es notwendig wäre!" Nicht nur an "Zeit und Kraft" mangele es ihm, auch an "Geld und Einsatz" – an allem eben. Die Arme rudern durch die Luft, die Hände greifen ins Leere: "Dabei rackere ich mich doch wirklich ab."

Hat da also einer sich selbst und dem Publikum zuviel versprochen, als er – gerade einmal acht Tage im Amt – eine bekannte Losung seines politischen Ziehvaters und Vorgängers Hans-Dietrich Genscher über das Ost-West-Verhältnis paraphrasierte: "Es kann dem Norden auf Dauer nicht gutgehen, wenn es dem Süden schlechtgeht"? Nein, das würde er "jederzeit" wieder so sagen, "ich muß ja artikulieren, daß die Außenpolitik des größten Landes Europas sich nicht provinziell beschränken darf." Aufgeben gilt nicht.

Ein tapferer Schwabe, innerlich aufgewühlt von "dieser schrecklichen Ungerechtigkeit in der Welt", schickt sich also weiterhin an, Afrika, Asien und Lateinamerika zu einem "Eckstein" seiner Außenpolitik zu machen. Für wenigstens einige Sekunden schlägt der Minister in jeder Rede einen missionarischen Ton an. Noch immer klingt nicht wie eine Floskel, was doch längst eine vorgestanzte Formel im letzten Drittel seines Standardmanuskriptes geworden ist, daß nämlich "ein nicht unerheblicher Teil dieser Menschheit von der ersten Sekunde seiner Geburt an keine Chance hat, ein nur einigermaßen menschenwürdiges Leben zu führen". Das empört ihn schon seit seiner Jugend im katholischen Elternhaus, das treibt ihn an – bis zur Verzweiflung, wie er sagt.

Ändern aber kann er nicht viel. Der Balkankrieg, der Streit um Maastricht, die Sorgen um Osteuropa gehen vor. Wie viele, die in Bonn das Elend in den Entwicklungsländern als langfristige Gefahrenquelle zwar erkannt, kurzfristig jedoch "keine Zeit" haben, flüchtet sich Kinkel in eine immer dramatischer anmutende Rhetorik. Den Konflikt zwischen Arm und Reich nennt er "die verbliebene große Weltgeißel". Deshalb sei "der Abbau der Wohlstandskluft zwischen Nord und Süd über alle aktuellen Probleme hinaus die zentrale Friedensaufgabe für die neunziger Jahre". Was Sicherheit nach dem Ende des Kalten Krieges für ihn auch heißt, das hat der FDP-Politiker vor einiger Zeit leidenschaftlich im Bundestag aufgezählt: "Armut, Umweltzerstörung, Bevölkerungsexplosion, Menschenrechtsverletzungen und dadurch ausgelöste Fluchtbewegungen, Drogen, Aids und Kriminalität machen an unseren Grenzen nicht halt. Sie kommen zu uns, wenn wir nicht vor Ort mithelfen, sie zu bekämpfen!" Das sei Politik "im gemeinsamen Überlebensinteresse". Beifall von allen Seiten – den schnöden Zwischenruf aus den Reihen der Opposition, dafür sei doch "kein Geld" da, überhört er.