Von Michael Skasa

Der Mann wird eingeseift, und jetzt rasiert er sich, haarscharf nur seine rechte Seite. Die andere existiert für ihn nicht; er nimmt von allem nur die Hälfte wahr. In seinem Hirn ist irgendwas defekt, ein Schläfenlappen ist vielleicht gequetscht worden, eine Schaltung falsch gepolt, kann sein, ein Killervirus hat etwas gelöscht – aber: Was er nicht weiß, macht ihn das heiß?

Ein anderer identifiziert seinen Körper nicht mehr, wähnt, man habe ihm ein fremdes Leichenbein dran operiert, das er empört, verekelt loszuwerden trachtet. Jener vermag seinen Körper nur zu steuern, wenn er das jeweilige Glied mit den Augen dirigiert, was ihn zur staksig verzerrten Roboterpuppe macht. Dieser hat in seinem Kopf ein Radio, das ihm, oft stundenlang, Heimatmelodien der lang versunkenen Kindheit vorspielt, manchmal tröstend, manchmal quälend. Ein anderer wiederum ist sich sicher, alles nur zu träumen, auch diese Hospitalsituation: „In Wirklichkeit bin ich daheim im Bett.“ Seit so vielen Jahren schon? fragt der Arzt. „Nun, wenn ich träume, schon lang im Hospital zu sein, ist das auch normal; Sie existieren doch in Wirklichkeit gar nicht.“ Ob er nicht aufwachen wolle? „Ja, davon träum’ ich oft: hier hochzuklettern und mich hinabzustürzen – das würde mich aufwecken.“

„Sterben – schlafen – schlafen! vielleicht auch träumen! – Ja, da liegt’s: Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen, wenn wir den Drang des Ird’schen abgeschüttelt, das zwingt uns stillzustehn.“ Nur daß Hamlet sich wach wußte und daß die neurologisch Geschädigten Drang und Drangsal keineswegs abgeschüttelt haben – soweit sich das vermuten läßt. Ohnehin ist auf diesem Gebiet fast alles Vermutung, da ein Austausch von Erfahrungen auf gleicher Welle ja gerade gestört ist. Ein objektiv nachweisbarer Verlust (der Erinnerung, der Gegenwärtigkeit, der Synchronisation, der üblichen Wahrnehmung beispielsweise) wird subjektiv natürlich nicht als Verlust empfunden, was sozusagen sein dialektischer Witz ist. Zugleich ergibt sich daraus für den medizinisch Interessierten ein nicht unerhebliches Dilemma: Wir können zu den vorgeführten Fällen kaum Stellung nehmen, sehen Sie uns an wie Zauberstückchen oder wie späte Szenen des absurden Theaters und wissen dabei doch, daß es gerade keine Poesie und keine Phantasie ist, sondern: Dokumentartheater, eine auch schon ad acta gelegte Kunstfertigkeit unserer Schaubühne.

Um den Geheimnissen des Theaters, die immer die Geheimnisse der Menschen sind, auf die Spur zu kommen, fordert Peter Brook seit je den „leeren Raum“, allen cachierenden Beiwerks entblößt, und folglich nannte er seine Aufführungen stets recherches théâtrales: Untersuchungen. Diesmal also wollte er das Gehirn sezieren, wörtlich und ohne Umweg über die Geschichten der dazugehörenden Seelen. Das Hirn pur, pur und defekt, also nicht beim Denken, sondern beim Fehl-Leisten. Dazu benutzten Brook und Dialogschreiber Jean-Claude Carrière die Fallstudien des Neuropsychologen Oliver Sacks, die auch bei uns unter dem reizvollen Titel „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ ein Bestseller wurden.

Reizvoll, ja, das sind die zwei Dutzend darin erzählten Geschichten von Menschen, die „eine Macke“ haben: Anekdoten aus der Praxis (ohne eingehende Anamnese, ohne Auflösung dieser Rätsel, ohne Antworten). Ganz wohl war mir beim Lesen nicht, denn mehr als voyeuristisch zu genießende Skurrilitäten vermittelt Sacks dem Laien kaum. Man schnabuliert Apartes, Absonderliches und – mit Verlaub – Urkomisches, selten werden tragische Bezirke gestreift. Spaziergänge sind’s durch das Panoptikum: Toll, was es so alles gibt! (Und da wir, wie gesagt, nicht das Gefühl haben, die solcherart Gehandikapten litten an sich und ihrer Umwelt, müssen wir uns des Amüsements nicht mal genieren – oder?)

Brooks Pariser recherche theätrale „L’homme qui“ wird zur Recherche nach dem Cui bono, der Frage, welcher Erkenntnis diese Vorführung dient.