Der Aufstieg in die seltsame Welt der Kreativen beginnt frühmorgens um vier, erst per Fahrstuhl, den Rest auf steilen Steintreppen, bis wir ganz oben angekommen sind. Ich bin nicht schwindelfrei, und es ist nur ein schwacher Trost, daß auch Frau Taylor, Mitte Dreißig, Werbeleiterin der Firma Continental, über ein flaues Gefühl im Magen klagt. Ihre Firma dreht auf dem Dach eines Hochhauses in Downtown Johannesburg einen Werbespot. Wie es heißt, eine Produktdemonstration an der äußersten Grenze des Machbaren.

Die vollkommen ebene, verteerte Fläche, auf der wir stehen, die mit ihren aufgemalten Straßen und Zebrastreifen und den aus Deutschland eingeflogenen Verkehrsschildern wie das Übungsgelände einer Fahrschule aussieht, ist 15 Meter lang und nicht mal 13 Meter breit. Drum herum nichts, was Halt bieten könnte, keine Mauer "kein Gitter, kein Geländer. Wer einen Schritt zu weit geht oder ausrutscht oder von einer Windbö erfaßt wird, stürzt 38 Meter in die Tiefe.

Frau Taylor hat ihr Handwerk bei namhaften Werbeagenturen wie Saatchi & Saatchi in London gelernt. Mit Autoreifen hatte sie vorher nie in ihrem Leben zu tun. Dafür mit Waschmitteln, Babynahrung, Bundesbahn und was sonst noch alles ins rechte Licht gerückt werden will. Nun also Reifen. Der letzte Reifenspot sei auf einer Eisscholle im Nordmeer entstanden, erzählt sie. Es sei dort sehr kalt gewesen. Das ist auf dem Dach des Johannesburger Büroturmes nicht der Fall. Der Teerboden reflektiert die Sonnenstrahlen so stark, daß man das Gefühl hat, auf einer Heizung zu stehen. Mit uns ist eine 27köpfige Crew einer südafrikanischen Filrnproduktionsfirma heraufgestiegen. Kameraleuchter, Beleuchter, Focus Puller (die die Kameras einstellen), Gripmen (die die Kameras befestigen), Art Director, Producer, Aufnahmeleiter. Außerdem wurden 64 Tonnen Material Tage vorher mit einem Spezialkran auf das Dach geschafft. Schweißgeräte, Akkus, Kisten und Kabel, nicht zu vergessen die wichtigsten Requisiten, zwei fabrikneue, metallicfarbene BMW 325i mit extrem sportlichen Breitreifen, Typ CZ 91, von denen Frau Taylor zu berichten weiß, daß sie für Fahrzeuge geeignet sind, die über Tempo 240 fahren. Im Handel kostet ein solcher Reifen um die 500 Mark.

Händeschütteln mit Regisseur lan, einem ruhigen, umsichtigen Mann, der in der Branche der Werbespot Hersteller weltweit zu den Besten zählt, wenn es um Spezialeffekte geht, solche, bei denen TV Zuschauern die Augen aus dem Kopf fallen. Mit sanfter Stimme verkündet lan, daß er in den letzten drei Nächten kaum geschlafen habe. "So viel ist klar: Wenn hier einer vom Dach fällt, kann ich in diesem Land nicht mehr arbeiten " Was das für seinen Auftraggeber in Hannover bedeuten, würde, daran will er gar nicht denken. Aber ein stark schöpferisch Begabter wie er läßt sich von äußeren Umständen wenig ablenken. Produkt Entertainment zu betreiben, wie er es versteht, ist in unserer Zeit der Steven SpielbergEffekte ohnehin schwer genug. Die phantastischsten Sachen werden heute im Trickfilm Studio erstellt. Sieht der Zuschauer mal was Echtes, glaubt ers gar nicht mehr. Er denkt, das sei ebenfalls mit irgendwelchen Tricks entstanden. Doch hier in Johannesburg ist alles so echt, daß dem Regisseur jedes Mal ganz mulmig wird, wenn er nach unten blickt und die Menschen auf den Straßen sieht, winzige Ameisen. Es ist eine Arbeit, bei der man keine Kompromisse machen dürfe. Seine Devise lautet deshalb: Go for the drama but with responWochenlang war der Regisseur unterwegs, um den geeigneten Drehort zu finden. Von Hochhaus zu Hochhaus. Eine behördliche Genehmigung brauchte er nicht, lediglich das Okay des Hausbesitzers und die Bescheinigung eines Statikers, daß das Dach nicht einstürzt "Bei uns in Deutschland wäre so etwas unmöglich", gibt Frau Taylor zu verstehen ,Dies ist einer der Gründe, warum deutsche Firmen derzeit scharenweise in Südafrika filmen, so viele, daß in den örtlichen Fachgeschäften kaum noch Kamera Equipment aufzutreiben ist. Kalifornien und Florida sind aus Kostengründen out, Südafrika ist in. Strand, Sonne, Palmen, Wolkenkratzer und dazu eine Währung, die in den letzten fünf Jahren vierzig Prozent ihres Wertes eingebüßt hat.

Dennoch wird der Reifenspot teuer genug. Die Werbeleiterin redet nicht gern übers Geld, jetzt, da im Werk Kurzarbeit angesagt ist, aber wenn sie Pech hat und ein paar Regentage hinzukommen (jeder ausgefallene Drehtag kostet 40 000 Mark), dann verschlingt der 30 Sekunden Film gut und gern eine halbe Million.

Andererseits, so Frau Taylor, hätten diese kostenaufwendigen Werbekampagnen dem Unternehmen Erfolg gebracht. Meinungsumfragen zufolge habe sich das altväterliche Firmenimage Conti für die Standspur, Pirelli für die Überholspur - beträchtlich zugunsten eines sportlich dynamischen, innöyativen Unterhehmensbildes verändert. Ihre Firma habe aus den Fehlern der siebziger Jahre gelernt, als man sich ganz aus der TV Werbung zurückzog und auf Zeitungen und Zeitschriften setzte. Bedrucktes Papier könne vieles vermitteln, nur eben nicht: Rasanz, Dynamik, Sportlichkeit. Das könne nur das Medium Fernsehen.

Deshalb stehen wir also jetzt in Johannesburg an der Ecke Market und Commissioner Street auf dem Dach und beobachten, wie der Stuntfahrer Robby sich hinters Lenkrad klemmt. Robby, ein 42jähriger blonder Lockenkopf, der regelmäßig bei der südafrikanischen Tourenwagenmeisterschaft vordere Plätze belegt, ist kein Greenhorn auf diesem Sektor. Mehrfach flog er bereits mit Autos über Flüsse und durchs Feuer und drehte für einen Goodyear Werbespot in einem Tunnel bei Tempo 165 einen totalen Looping. Die Anpreßkräfte seien so groß gewesen, berichtet er, daß er sogar seine Hände vom Steuer habe nehmen können: Der Wagen habe sich seinen Weg selbst gesucht.