Eine vertrackte Geschichte. Ein Mann kehrt aus dem Krieg zurück und ist ein anderer. Früher ein brutaler Trinker, der seine Frau mißhandelte und den Hof verkommen ließ, jetzt ein zärtlicher Gatte und tüchtiger Landmann, der zum Nutzen des Gemeinwohls den Acker bestellt. Aber der Hund knurrt, die Gattin zweifelt, die alten Stiefel sind zwei Nummern zu groß. Die wundersame Wandlung vom Taugenichts zum Menschenfreund hat einen Haken: Der Mann ist wirklich ein anderer. Das neue Glück des Jack Sommersby, seiner Familie und Nachbarn gründet auf einer Lüge. Alle wissen es und arrangieren sich damit. Merke: Ein Mann ist, was er tut.

Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Jack Sommersby, das Original, hat eine Leiche im Keller. Für den Mord wird Jack Sommersby, die Fälschung, vor Gericht gebracht. Gesteht er die Wahrheit – sein Vorleben als Volksschullehrer aus dem Nachbardorf, der nicht gerade ein Gentleman war –, kommt er frei. Beharrt er auf der Lüge, wird er gehenkt. Sommersby entscheidet sich für den Galgen; lieber will er sterben und seine Ehre retten, als die Existenz eines schäbigen Schwindlers fortzusetzen. Das Dorf steht schweigend am Richtplatz und blickt auf zu Jack, dem Erhöhten. Ein Golgatha-Szenario mit schnellem Schnitt zum Kirchturm, der nun endlich, Sommersbys Ernte sei Dank, restauriert werden kann. Merke: Nur ein toter Held ist ein guter Held.

Der britische Regisseur Jon Amiel, seit „The Singing Detective“ und „Julia und ihre Liebhaber“ ein ausgewiesener Gratwanderer zwischen Dichtung und Wahrheit, wirft die Hollywoodmaschine an, fährt großes Orchester auf, bemüht mengenweise Kinomythen und jubelt dem Zuschauer zwischen Ackerkrume, gesundem Landleben und dem Verwirrspiel um Identität und Fiktion ein Plädoyer für Geschichtsklitterung unter. Das Remake des Gérard-Depardieu/Nathalie-Baye-Films „Die Wiederkehr des Martin Guerre“ verlegt den Schauplatz des authentischen Kriminalfalls aus dem 16. Jahrhundert in die Zeit der Reconstruction nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Das Gerichtskammerspiel wird umfunktioniert zum Aufbau-Film. Keiner fragt: Jack, was hast du im Krieg gemacht? Wer sich der Vergangenheit stellt, behindert nur den Fortschritt. Also die Ärmel hochgekrempelt; vorwärts und schnell vergessen... Wenn Kevin Costner die Bush-Ära mit seinem Helden-Image versorgte, dann kommt das Heroentum des Jack Sommersby zum Amtsantritt Bill Clintons gerade recht. Wieder einmal ist Hollywood pünktlich zur Stelle. Sei es nun „Ein ganz normaler Held“ wie Dustin Hofmann, sei es der „Scheinheilige“ Steve Martins, seien es „Hoffa“ oder „Malcolm X“: Die jüngsten Mythen von den Kämpfern für soziale Gerechtigkeit werden flankiert vom Aberglauben, daß nur die Show stimmen muß, damit die erwünschte Wirkung eintritt. Im Fernsehen gibt’s Reality-TV, das US-Kino verlegt sich derweil auf die Verteidigung des faulen Kompromisses. In „Der Duft der Frauen“ beweist Al Pacino, daß Blinde auch nicht weniger sehen. Die neuesten Helden Hollywoods sind Meister des unscharfen Blicks.

Nur eines paßt nicht ins Bild: die Augen von Jodie Foster. Als Laurel Sommersby nimmt sie ihrem Gatten (Richard Gere) staunend den Bart ab: Jack, ein Fremder. Sie verliebt sich in ihn. Sie klagt seine Identität ein, öffentlich, vor Gericht. Mit starken Worten und sturem Blick beharrt sie – gegen die Verschleierungstaktik des Films selbst – auf der individuellen Wahrheit und darauf, daß der Tod nicht adelt, sondern sinnlos ist. Jack belehrt sie eines Besseren. Laurel Sommersby steht am Galgen in der ersten Reihe, und das Staunen weicht aus dem Blick von Jodie Foster. So verrät sie ihre eigene Figur. Der Rest ist Ehrfurcht.

Christiane Peitz