Es regnete in Strömen, an jenem Tag anno 1952 in London, als eine junge Frau namens Elisabeth gekrönt wurde. Alle suchten Schutz unter Planen und Regenschirmen – nur eine nicht: Königinnenkollegin Salote von Tonga. Strahlend und klitschnaß stand sie in ihrem offenen Wagen, winkte und jubelte den Briten ohne Unterlaß zu und eroberte deren Herzen im Sturm. Hierzulande ist ihr Sohn und Nachfolger, König Taufa’ahau Tupou IV, deutlich bekannter. Auch, weil er ein großer Freund und Kenner Deutschlands ist. Beide Staaten haben einen Freundschaftsvertrag aus der Bismarck-Ära. Und auch, weil er der Bundesrepublik regelmäßig Besuche abstattet – zuletzt 1990. Vor allem aber hat sich seine exorbitante Leibesfülle den Deutschen eingeprägt: Vier Zentner lächelnder und Güte ausstrahlender Koloß neben den besonders schlanken Präsidenten Carstens und Weizsäcker, das war immer ein beeindruckendes Photomotiv.

Hierzulande mag Tupou wie ein Operettenkönig wirken, die liebenswerte Karikatur von heiler Welt, pazifischem Paradies und Südseeromantik. In seiner Heimat sieht es anders aus. Alltag in Tonga ist Armut, ein Dritte-Welt-Land mit Kopra, Brotfrüchten, Bananen und einem immensen Haushaltsdefizit; zwar gibt es genügend zu essen, aber keine Hoffnung auf ökonomischen Aufschwung. Zumindest politische Stabilität war immer garantiert im Reich des allseits beliebten Königs. Doch vor einigen Wochen ist etwas Ungeheuerliches geschehen: In einem tongaischsprachigen Programm von Radio Neuseeland rief ein Mr. Sione Taukitoku zum Mordanschlag auf seinen Monarchen auf. Alsbald war ein armer Kürbisfarmer dieses Namens auf einer weit entlegenen der 169 tongaischen Inseln ausgemacht. Der aber, von Sicherheitskräften zur Rede gestellt, beteuerte energisch, Opfer einer Verwechslung oder eines schlechten Scherzes zu sein. Er liebe seinen König, so wie immer, so wie alle.

In der Tat hat es kaum jemals kritische Worte gegen Tupou selbst gegeben. Und noch steht der absolutistische Führer außerhalb der politischen Unwetter, die sich derzeit über seinem Inselreich zusammenbrauen. Es ist vorerst das undemokratische, feudalistische System, das die gut 100 000 Untertanen zunehmend erzürnt. Zwar wird alle drei Jahre gewählt in Tonga, aber nur neun Parlamentarier bestimmt das Volk; die anderen 24 Sitze okkupieren seit jeher die Adligen oder von der Krone ernannte Gesinnungsfreunde. Parteien sind verboten. Politischer Diskurs kaum bekannt. Die Presse (weitgehend) kontrolliert.

Die ökonomische Situation tut ein übriges zur wachsenden Unzufriedenheit. Industrie gibt es kaum, es mangelt an Kapital, die Weltmärkte sind ohnehin weit entfernt. Jeder zweite ist in Fischfang oder Agrarwirtschaft beschäftigt. Keine 2000 US-Dollar erwirtschaftet jeder Arbeitnehmer im Land pro Jahr. Das Bruttosozialprodukt stagniert, die Auslandsschulden wachsen. Auch der Tourismus, andernorts Retter in der Not, wächst kaum. Zwar ließ Tupou IV vor drei Jahren die Landebahn des Flughafens kostenintensiv für Jumbojets verlängern, nur es landete bis heute keiner. Die Inlandsfluglinie Friendly Islands Airways ist von gnadenloser Unzuverlässigkeit, die Hotels von mäßigem Charme und der Tonga-Dollar nach Ansicht von Finanzfachleuten weit überbewertet im Vergleich zur Wirtschaftskraft und zu den Nachbarstaaten wie Samoa oder Fiji. Zudem fehlen trotz einiger „Traumstrände“ die ganz großen Attraktionen für den ganz großen Touristenboom.

Die Folge des wirtschaftlichen Niedergangs: Beinahe jeder zweite erwachsene Tongaer arbeitet heute in Neuseeland, Australien oder den Vereinigten Staaten. Ihre Geldtransfers an Verwandte mildern zwar die chronische Devisenknappheit, aber die vielfältige Kunde von den Konsumverlockungen der entwickelteren Welt wecken daheim neue Begehrlichkeiten. An Versprechungen auf Besserung hat es nie gefehlt, und das geschah stets tongatypisch mit bizarren und größenwahnsinnigen Ideen des Königshauses: Mal wollte Tupou einen See leerpumpen als Zwischenlager für iranisches Öl, mal eine panpazifische Mülldeponie errichten, mal eine Giftmüllverbrennungsanlage für die USA. Realisiert wurde nichts davon, auch nicht die Idee des Kronprinzen, der einen kleinen Atommeiler zwischen die Kokosplantagen zu plazieren gedachte. Das gleiche Schicksal ereilte Tupous jüngsten Vorschlag, aus neuseeländischer Schafswolle in großem Stil Teddybären für den deutschen Markt herzustellen.

Zudem tauchten in den vergangenen Jahren immer häufiger Details über obskure finanzielle Machenschatten bei Hofe auf. Die ohnehin knappen Devisen versickern in undurchsichtigen Kanälen, und bis vor kurzem verkaufte die Adelsclique tongaische Reisepässe (Stückpreis: 10 000 US-Dollar aufwärts) an zahlungskräftige Asiaten, darunter sogar Rotchinesen, bis der Deal publik wurde und es diplomatischen Streit etwa mit Peking gab. Die wundersame Vermehrung von Staatsangehörigen per cash hatte sehr unterschiedliche Wirkungen: Meist schlechte für die Neu-Tonganer, denn die scheiterten alsbald schon kurz nach der Abreise am neuseeländischen Zoll, der die Dokumente nicht anerkannte. Sehr gute Wirkung indes zeigten die naiven Zahlungen für die Krone: Das eilig eingerichtete geheime Regierungskonto bei der Bank of America in San Francisco füllte sich schnell, so vorsichtige Schätzungen, mit zweistelligen Millionenbeträgen pro Jahr – mehr als das Land jährlich für Exporte einnimmt. So mancher Dollar dieser Extraeinnahmen wurde für Repräsentationsbauten ausgegeben: Zuletzt, 1992, baute sich der 74jährige König ein hypermodernes Fitneßstudio, um sich weitere Pfunde abzuschwitzen. Die Landreform, seit Jahren angekündigt, bleibt indes ein Versprechen: Die Adligen mögen ihre weitläufigen Ländereien nicht aufgeben.

Doch nun kommt Bewegung in die tongaische Politik, mit womöglich erheblichen Folgen. Engagierte Einwohner gründeten das „Pro Democratic Movement“ und veranstalteten in der Inselhauptstadt Nuku’alofa einen viertägigen Kongreß. Für europäisch-demokratische Verhältnisse nichts Ungewöhnliches. Für Tonga war das Treffen ein Novum und für die Krone die Vorstufe zur Revolte. Ausländischen Rednern wurde die Einreise verweigert, darunter ein Parlamentarier aus Neuseeland und ein gebürtiger Tongaer aus den USA, der jetzt Senator in Utah ist. Journalisten, die sich nicht als Touristen tarnten, durften gleich wieder das Flugzeug besteigen. Erst wollten Regierungsvertreter als Beobachter am Kongreß teilnehmen, dann aber verzichtete man kurzfristig – die Debatten seien es nicht wert, hieß es, die ganze Veranstaltung ohnehin nicht verfassungsgemäß.