Familie Überhoff-Otte: An unsere Schulzeit erinnern wir uns nicht ungern. Selbst der wilhelminischen Frau Track sei verziehen, die in der Volksschule ein eisernes Regiment führte und sich ins Waschbecken schneuzte. Sie verstand es, wunderschöne Geschichten von ihrem Eichhörnchen Hopsi zu erzählen. Die höheren Schuljahre zeichneten sich durch die liberale Atmosphäre der späten Sechziger aus. Die Schule experimentierte mit dem Kurssystem, aus den Lehrplänen wurde der Staub gefegt, wir Schüler malten das Gebäude bunt an, und ein wildmähniger Gemeinschaftskundelehrer aus der Stamokap-Fraktion verkündete den Eintritt in eine vorrevolutionäre Situation.

Die Zeiten haben sich geändert. Deprimierend waren unsere – und Lissas – Erlebnisse in einem Hamburger Kinderladen: ideologische Dampfplauderei statt sinnvollen Engagements. Laisser-faire statt spielerischer Organisation. Das Ende der Illusionen? Nein. Aber bei der Suche nach Lissas Schule war uns klar, es dürfte ruhig etwas „konservativer“ und pragmatischer zugehen. Für Lissa und uns könnten dabei ein Gewinn an Durchschaubarkeit und die Einübung gewisser Regeln herauskommen, die sowieso abverlangt werden. Also: Offener Unterricht schön und gut, aber entscheidender ist eine geduldige Anleitung zum Lernen, die den Kindern auch ein bißchen Mühe nicht erspart.

Lissa ist ein typisches modernes Großstadtkind: Die Eltern sind berufstätig, der Weg zu den Freunden ist lang, ihr Ortsgefühl für die Nachbarschaft ist schwach entwickelt. Unser uninahes Wohnviertel stirbt am Verkehrsinfarkt – unmöglich, eine Fünfjährige allein auf die Straße zu lassen. Um so mehr lag uns daran, daß sie sich anderen zugehörig fühlt.

Schon in den Kinderladen ging sie mit ihrer Freundin Sophia aus der selbstorganisierten Kleinkind-Krabbelgruppe. Wir möchten, daß die beiden auch in der Grundschule zusammenbleiben können; das hat unsere Schulwahl stark beeinflußt. Und nicht zuletzt der profane Grund, daß Abhol- und Elterndienste sich gemeinsam leichter organisieren lassen.

Wir haben uns nun für eine nahe gelegene staatliche Grundschule entschieden. Alle Schichten und Kinder vielerlei Nationalitäten sind vertreten. Mehrere weiterführende Schulen, darunter ein zweisprachiges Gymnasium, mit dem wir liebäugeln, liegen in der Nähe. Der Schulweg ist für Großstadtverhältnisse erträglich; nur eine große Straße muß an einer beampelten Kreuzung überquert werden, dann führt der Weg durch eine Spielstraße.

Lissa kommt dort in eine Integrationsklasse für Behinderte und Nichtbehinderte mit nur neunzehn Schülern. Wir wollen kein Elitetraining, obwohl uns der Leistungsgedanke nicht schreckt. Wichtiger finden wir, daß die spielerischen Bedürfnisse der Kinder beachtet werden. Der Alltag mit Behinderten wird Lissa Gemeinschaftssinn lehren, und die geringe Schülerzahl verhindert hoffentlich das Aufkommen einer Ellbogenmentalität.

Letztlich hängt das meiste ja von den Lehrern ab. Also: Hingehen, mit ihnen ins Gespräch kommen, sich einmischen. Und vor allem: Den Kindern nicht durch riesige Erwartungen die Freude nehmen.