Von Harry Maier

"Das Streben des Menschen, den Zukunftsschleier zu lüften und den Gang der Dinge vorauszubestimmen, ist ebenso alt wie sein Bestreben, die Außenwelt zu erkennen."

Nikolai D. Kondratjew

Von den großen Ökonomen dieses Jahrhunderts ist keiner im Westen so unbekannt wie Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew. Dennoch ist sein Name unsterblich geworden. Das verdankt er vor allem Joseph Schumpeter, der die von Kondratjew nachgewiesenen langen Wellen der Konjunktur nach ihm benannte. Aber in den gängigen Wirtschaftslexika findet sich kaum etwas über den russischen Ökonomen.

Nikolai D. Kondratjew wurde am 4. März 1892 in dem Dorf Galuyewskaja der zentralrussischen Provinz Kostroma (heute Iwanowo) geboren.

Nach seinem Abitur schrieb er sich 1910 an der juristischen Fakultät der Petersburger Universität ein. Sehr bald begann er sich für ökonomische Probleme zu interessieren. Seine Diplomarbeit schrieb er über "Die Entwicklung der Wirtschaft des Distrikts Kineschma in der Provinz Kostroma". Sie wurde 1915 als Monographie gedruckt. Diese Veröffentlichung und seine analytisch-empirische Begabung verhalfen ihm zu einem Direktorat für Statistik und Wirtschaft eines Distriks in St. Petersburg.

Im Alter von 25 Jahren erlebte er den Sturz des Zaren und beteiligte sich am revolutionären Umbruch. Er nahm an der Vorbereitung des Allrussischen Sowjets der Bauerndeputierten teil, analysierte die Nahrungsmittelsituation nach der Februarrevolution, schrieb eine Reihe von Artikeln über die Lösung des Agrarproblems und wurde zum Mitglied der Verfassunggebenden Versammlung gewählt. Kurz vor der Oktoberrevolution wurde er zum Vizeminister für Lebensmittel der Provisorischen Regierung berufen. Nach der gewaltsamen Auflösung der Verfassunggebenden Versammlung durch die Bolschewiki 1918 ging Kondratjew nach Moskau. Dort wurde er 1920 Direktor des neugegründeten Konjunkturinstituts, das unter seiner Leitung zum Zentrum der ökonomischen Forschung im neuen Rußland werden sollte. Gleichzeitig lehrte er an der Moskauer Universität.