Wir zitieren Paragraph 263 des Strafgesetzbuches: „Wer in der Absicht, sich oder einem Dritten einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen, das Vermögen eines anderen dadurch beschädigt, daß er durch Vorspiegelung falscher oder durch Entstellung oder Unterdrückung währer Tatsachen einen Irrtum erregt oder unterhält...“ – was das Gesetz hier anprangert, hat die Natur schon lange vor dem Menschen erfunden. Wissenschaftler nennen das Täuschen und Tricksen im Tier- und Pflanzenreich Mimikry: Ein gefräßiger Räuber tarnt sich als harmloser Putzerfisch, eine Fliege tut so, als wäre sie eine Wespe, und eine Spinne signalisiert ihren Opfern: „Ich bin doch nur ein Blümchen.“

Als perfekter Blütenimitator wurde nun ein Wesen enttarnt, dessen Verwandte als Getreideschädlinge gefürchtet sind. Ein Mitglied der Rostpilze, fand ein Forscher von der Universität Kalifornien heraus, zwingt seine Wirtspflanze in ein neues Gewand – aus der Gänsekresse wird so eine Dotterblume, die in Wahrheit ein Pilz ist (Nature, Vol. 362; S. 56).

Im Spätsommer befallen vom Wind verdriftete Pilzsporen die Wirtspflanzen, die dann während des Winters von dem fädigen Parasiten durchwuchert werden. Im Frühjahr, wenn die Blumen sprießen, manipuliert der Pilz das Aussehen seines Wirtes. Statt der eigenen bildet die Pflanze Blüten, die ihr eine völlig artfremde Erscheinung geben: „Während uninfizierte Pflanzen einfache Rosetten bilden, zeigen befallene Pflanzen verlängerte Stiele, die von dichten, blütenartigen Gruppen leuchtend gelber Blätter gekrönt werden. Diese Pseudoblüten sind von einer klebrigen, süßlich riechenden Ausscheidung bedeckt, die für Insekten sehr attraktiv ist.“

Die Verwandlung stimmt bis ins Detail. Die Pseudoblüten duften, und ihr Gelb weist genau das Farbspektrum von echtem Blütengelb auf, selbst im ultravioletten Bereich. Wozu dient dem Pilz die aufwendige Verwandlung? Insekten werden angelockt und saugen den Nektar auf. Dabei befruchten sie den Pilz, indem sie männliche und weibliche Zellen zueinanderbringen, genauso wie sie es mit dem Pollen und den Samenanlagen der Pflanzen getan hätten. Der Pilz, und das ist der ganze Zweck der Täuschung, macht sich den Reproduktionsmechanismus der Pflanze zunutze.

Der Nachahmer ist im Anlocken der Insekten sogar besonders erfolgreich: Fliegen verweilen auf den klebrigen Blättern fünfmal so lange, wie sie durchschnittlich auf echten Blüten sitzen. Wenn der Pilz befruchtet ist, bildet er Sporen, die vom Wind, ähnlich den Fallschirmchen des Löwenzahns, verbreitet werden. Auch verliert die Blüte – wie bei anderen Pflanzen – nach der Bestäubung ihre gelbe Farbe.

Die Verwandlung täuscht nicht nur Insekten, die auf Nektarsuche sind. Räuber wie die Krabbenspinne nisten sich in den Pseudoblüten ein, um den Insekten aufzulauern. Auch Menschen werden gefoppt: Botanik-Studenten des Rocky-Mountain Biologie-Labors haben häufig Pseudoblumen gesammelt, weil sie dachten, daß es sich um echte Blumen handelt.

Der Parasit tötet die Wirtspflanze in den meisten Fällen. Doch für die Pflanzengemeinschaft kann die Infektion einzelner Blumen sogar von Vorteil sein: Da die Pseudoblumen besonders attraktiv sind, kann ein Pflanzenverbund mit infizierten Exemplaren anziehender als ein gesunder wirken. Nimmt der Pilz jedoch überhand, könnte es sein, daß er die Aufmerksamkeit der Insekten in solchem Maße auf sich zieht, daß die anderen Pflanzen gar nicht mehr beachtet werden – der Plagiator triumphiert über das Original.

Christian Weymayr