Wer Frank Drescher im Kreis seiner Räder antrifft, der ahnt, was den Mann bewegt: Um seinen Wohnzünmertisch herum stehen ein restauriertes Fallschirmspringerrad, ein Biofahrrad mit Sperrholzteilen und lederbezogenen Lampen sowie ein dänisches "Pedersen", ein filigranes Gebilde, dessen Fahrer in einer Sitzschlaufe hängt.

Vor dem Haus wartet ein Transportrad, auf dem Weg ins Wohnzimmer begegnet man einem Tandem ("mein Lieblingsrad") und einem sonderbaren Gerät mit Kardanantrieb, irgendwo hängt ein Oldtimer unter der Decke, und im Obergeschoß paart sich eine kostbare Rennmaschine ("der leichteste serienmäßig gefertigte Rahmen der Welt") mit einem Heimtrainer. Drescher, dreißig, gutaussehend, sportlich (Triathlon) ist kein Öko, sondern "Deutschlands erster Sachverständiger der Industrie- und Handelskammer für Fahrräder", wie ein elegantes Plexiglasschild am Eingang seiner Wohnung in der Lübecker Innenstadt kundtut.

Schon als Fünfjähriger, sagt er, habe er heimlich das Rad serner Oma ausprobiert. Später lernte er Zweiradmechaniker, studierte Maschinenbau, arbeitete als technischer Leiter einer Fahrradfabrik, eröffnete zwei Fahrradgeschäfte in Lübeck - und bewarb sich bei der Industrieland Handelskammer als Gutachter.

"Auf einmal", erzählt er, "lag auf meinem Schreibtisch eine Akte Sie stammte vom Amtsgericht Bad Schwartau. Der erste Fall: Ein kleiner Junge war mit seinem verbeulten und verzogenen, aber ziemlich neuen Kinderrad nach Hause gekommen und hatte dem Vater auf eindringliches Befragen erklärt, er sei im Wald über eine Baumwurzel gefahren. Der Vater ging zum Händler, der Händler versicherte, das könne gar nicht sein, der Vater zerrte ihn vor Gericht. Das Gericht suchte einen Sachverständigen.

Die Photos zeigten ein buntes Kinderrad mit gestauchtem Diagonal- und verzogenem Oberrohr "Klarer Fall", urteilte der Sachverständige, "der Stoß ist von vorne gekommen. Hundertprozentig ist der Junge Irgendwo drauf gefahren " Der Vater unterzog seinen Zeugen einem zweiten, strengeren Verhör und erfuhr: Es war ein parkendes Auto gewesen.

Nach diesem Fall wurde Drescher im September vergangenen Jahres als Fahrradgutachter vereidigt - der erste Deutschlands und inzwischen nicht mehr der einzige: In Schweinfurt hat ein Kollege die Arbeit aufgenommen.

Fahrradgutachter - ein Beruf mit Zukunft in einem Land, in dem täglich mehr als 700 Radfahrer unter die Räder kommen (in zwei von drei Fällen schuldlos) "Ich hatte nicht gedacht, daß das soviel wird", sagt Drescher. Vorläufig will der Händler seinen Expertisen zwei Arbeitstage wöchentlich widmen und ist sicher: "Das ist noch irrsinnig weit auszudehnen Schon tippt seine Gutachten eine Sekretärin.