Von Carl D. Goerdeler

An der Tankstelle „Hindenburgallee“ in Filadelfia ist die letzte Gelegenheit, um aufzutanken. Dann zieht sich die Piste 300 Kilometer schnurgerade durch den menschenleeren Chaco bis an die Grenze von Bolivien. Vorher sind ein Dutzend Militärposten Paraguays zu überwinden. Wer keine Autopapiere hat, muß zahlen. Die meisten Fahrer, die passieren, haben keine Papiere. Denn ihre Autos wurden im Nachbarland Brasilien geklaut.

Die Piste durch den Chaco galt bis zum September als der große Verschiebebahnhof der Automarder. Nagelneue Santanas, Escorts und Chevys aus brasilianischer Produktion wurden über die „Brücke der Freundschaft“ nach Paraguay geschmuggelt, in Asunción umgespritzt und umfrisiert und dann nach Bolivien auf die Reise geschickt. Alles lief bislang wie am Schnürchen, denn man konnte sich auf die uniformierten Helfer verlassen: Generäle, Gefreite und Ganoven arbeiteten reibungslos miteinander. Die Ganoven brachten ihre Beute durch, die Gefreiten drückten beide Augen zu, und die Generäle verlangten einen saftigen „Zoll“, der in die eigenen Taschen ging. Erst als die „Gebühren“ pro Pkw bis auf 6000 Dollar hochschnellten, flog die Sache auf. Jetzt werden, zum ersten Mal in der von Knobelbechern beherrschten Geschichte Paraguays, hohe Militärs vor den Kadi gezerrt.

Doch die Geschäfte laufen weiter: Rauschgifthandel. Die Lehrerin Eusebia Valentim hatte das Auto vor ihrem Haus im brasilianischen Curitiba abgestellt. Als sie am nächsten Morgen zur Schule fahren wollte, stand es nicht mehr da. Zwei Tage später klingelte das Telephon. Eine unbekannte Männerstimme teilte ihr mit, das Auto befände sich in Paraguay, sie könne es holen, sie müsse sich nur beeilen und keinem etwas verraten. Denn er, der Anrufer, sei im Streit mit seinen Kumpanen, die das Auto gestohlen hätten, geschieden; nun wolle er sich an ihnen rächen und verrate, wo sie ihr Auto finden könne. Eusebia kam die Geschichte nicht ganz koscher vor; sie bat ihren Bruder, sie nach Paraguay zu begleiten. Beide fanden das Auto unversehrt an der angegebenen Stelle in Asunción und führten es über die Grenze nach Brasilien zurück. Tags darauf stand das Auto von Eusebia zwar noch vor dem Haus, es hatte sich aber über Nacht in ein Wrack verwandelt; Polster, Sitze und Verkleidungen waren herausgerissen. Die Polizei wußte schon, warum: Doña Eusebia und ihr Auto hatten als mula gedient, als Traglast-Esel der Rauschgiftmafia in Paraguay.

„Dieses Land ist ein Bermudadreieck auf dem Kontinent“, schimpfen Beamte von Interpol. „Man muß halt eine gute Nase haben“, grinsen die Holzhändler in Ponta Porä in Mato Grosso. Eine staubige Straße trennt das brasilianische Städtchen vom gegenüberliegenden paraguayischen Weiler Pedro Juan Caballero. Bauholz und Edelhölzer sind in Südbrasilien kaum noch zu haben. Nur wer eine Genehmigung vom Umweltamt hat, darf schlagen – und auch dann nur, wenn er sich verpflichtet, wieder aufzuforsten. Solch ein amtlicher Wisch ist an der Grenze zu Paraguay Gold wert Täglich schleppen rund 200 Tieflader Baumstämme und Planken Über die kaum kontrollierte grüne Grenze nach Brasilien. Den Behörden gegenüber gilt das Holz als brasilianisches – und der Aufforstung ist ja auch Genüge getan: Denn die heimischen Bäume stehen ja weiterhin in Saft und Kraft. Nur in Paraguay werden sie mit jedem Jahr um 200 000 Hektar weniger. In sieben Jahren dürfte der gesamte Waldbestand des Landes erschöpft sein. Wer seinen Reibach machen will, muß sich also beeilen. Dr. Warner und Co, Südamerikanische Immobilien, Stuttgart, kann helfen: Seine Firma bietet zum Beispiel in Paraguay 11620 Hektar zu je zehn Dollar „Naturwald mit gutem Edelholzbestand, geeignet für Säge- und Furnierwerk im Chaco“ an.

Wer die richtigen Verbindungen hat, kann in Paraguay immer noch gute Geschäfte machen. Die von protzigen Palais gerahmten und mit Edelkarossen verstopften Avenidas von Asunción zeigen es deutlich. „Schmuggel – das ist der Preis des Friedens“, wußte schon der frühere Diktator Alfredo Stroessner. Er hatte den illegalen Handel mit deutscher Gründlichkeit organisiert; selbst die einfachen Leute sind ihm noch heute dafür dankbar. Paraguay schlägt auf den Import fast aller Güter nur maximal fünfzehn Prozent Zoll. Die Nachbarländer aber schotten sich ab, besonders Brasilien. Eine Flasche schottischer Whisky kostet in Ciudad del Este (früher: Puerto Presidente Stroessner) zwölf Dollar, jenseits des Rio Paraná, in Brasilien, aber fünfzig bis siebzig Dollar. Die „Brücke der Freundschaft“ ist eine Ameisenstraße brasilianischer „Butterfahrer“. Bis aus 3000 Kilometer Entfernung kommen sie angereist.

Raubkopien von internationalen Künstlern und Konzerten, made in Paraguay, verursachen nach Schätzung der nordamerikanischen Plattenindustrie jährlich einen Schaden von 200 Millionen Dollar. Falsches Parfüm, unechte Rolex-Uhren und die ganze orientalische Imitat-Produktion kommen in Ciudad del Este neben den originalverpackten elektronischen Weltprodukten auf den Markt. Videokameras werden in der Gosse feilgeboten wie Wassermelonen. An den wenigen Feiertagen, wenn das Geschäft ruht, gleicht das staubige Nest einer Geisterstadt aus einem Wildwestfilm.