Der Platoniker Plotin behauptete schon vom Jahre 250 nach Christi Geburt an, daß die Seele keinen Ort habe, „denn auch der Geist hat keinen Ort“. Es ist hier nicht der Ort, über die Richtigkeit dieses Theorems ausführlich nachzudenken. Fest steht, daß es jederzeit Autoren gibt, die sich insofern als Plotiniker betätigen, als sie betonen, daß für alles mögliche hier der Ort nicht sei, etwa Raddatz: „Es ist hier nicht der Ort, ausführlich über die Spannung von gesellschaftlicher Camouflage und existentieller Situierung nachzudenken, die Thomas Mann manchmal zerrissen haben mag.“ Wie weit auseinander liegen die beiden Örter, an deren einem ausführlich über diese Spannung nachgedacht wird, derweilen an dem anderen Ort noch nicht mal ansatzweise über diese Spannung nachgedacht werden kann?

Immerhin gibt es Autoren, die das Schema auflockern, siehe Dr. von Scheidt in seinen Ausführungen über Schreiben als Selbsterfahrung: „Es ist hier nicht der Platz, um detailliert auszuführen, was überhaupt Therapie ist.“ Einen anderen Variationsvorschlag liefert der polnische Schriftsteller Lem: „Hier ist kaum der Ort, über meinen Kulturpessimismus zu reden.“ Ein weiteres Ausweichmanöver steht bei Störig, der das Problem bloß als Platzproblem empfunden haben mag: „Wir können hier nicht verfolgen, wie Hartmann das Wirken dieses Unbewußten in der Materie, im Pflanzen- und Tierreich, in der Leiblichkeit des Menschen, im menschlichen Geiste, in Liebe, Gefühl, künstlerischem Schaffen, in Sprache und Geschichte aufspürt.“ Hartmann hat es überhaupt schwer, im Terrain des menschlichen Geistes seinen Ort zu finden; leider hat die Suspendierung seines Orts Tradition, seit Bloch: „Hier ist nicht der Ort, um das unbekannt gewordene Hartmannsche System auch nur andeutend in Erinnerung zu rufen; obwohl das nötig wäre.“ Nicht anders als Hartmann ging es Holz. Lüth rief Arno Holz 1947 zwar kurz in Erinnerung, ließ ihn aber sofort wieder los: „Es ist hier nicht der Ort, festzustellen, weshalb Holz zu keiner größeren Wirkung gekommen ist.“ – Auch Hesse gab sich 1935 kurzangebunden in Sachen Holz: „Es fehlt hier an Raum, die Theorie seiner neuen lyrischen Form und damit Ästhetik seines großen lyrischen Hauptwerkes, des ‚Phantasus‘, darzulegen.“ Leider kann sich jeder Drückeberger auf Geister wie Hegel berufen, der bereits 1816 beteuerte: „Es ist hier nicht der Ort, Alexander als historische Person zu würdigen.“ Immerhin fanden sich andernorts viele Orte für Alexander – wo ist der Ort für Hartmann und Holz?

Den frühesten Beleg für diese beliebte Formulierung fand ich in Siegmund Freyherrn von Seckendorffs Buch „Das Rad des Schicksals oder die Geschichte Tschoan=gsees“, 1794, wo es über Lao=tsee heißt: „Es ist hier nicht der Ort, von der Geschichte seiner Jugend Rechenschaft zu geben, obschon solche eben so lehrreich als unterhaltend für den Leser seyn dürfte.“ Wer noch frühere oder wichtigere Beispiele kennt, sende bitte Hinweise an die Redaktion.

Selbst positiv eingestellte Autoren verhalten sich bei Ortsbestimmungen oft seltsam negativistisch. Um so umwerfender klingt eine mündliche Äußerung Adornos (vom 17. Dezember 1957), der sich allerorten als Anwalt der Negation profiliert, außer dieses einzige unzerrissene Mal: „Vielleicht ist hier der Ort, überhaupt Ihnen zu sagen, wenn man von dem Erkenntnisproblem spricht in dem prägnanten Sinn, den dieser Ausdruck hat und wie er etwa in dem Werk von Ernst Cassirer vorwaltet, dessen letzter und übrigens instruktiver Band gerade jetzt herausgekommen ist...

Stellen, in denen plötzlich der Ort genannt wird, sind selten. Auf hundert Formulierungen „Es ist hier nicht der Ort“ kommen höchstens anderthalb umgekehrte – kostbare Augenblicke. Ein solcher findet sich sogar bei Hesse, zum Ausgleich dafür, daß er den Holz abschob: „Vielleicht ist hier der Ort, aus jene andre Stelle auch Knechts Briefen mitzuteilen, welche sich auf das Glasperlenspiel bezieht.“ Dieses Vielleicht verbindet Adorno, Hesse und Marx. Diese drei sind sich also nicht ganz sicher, ob hier der Ort auch wirklich sei; wer weiß, vielleicht ist er selbst hier nicht.

Simmel, Rühmkorf und Musil hingegen lassen mutig das Vielleicht fallen: Der Ort rückt verläßlich ins Blickfeld, bei Simmel (Georg) so: „Hier ist der Ort, der vielkritisierten Logik der Frauen zu gedenken.“ Bei Rühmkorf, nicht ohne Camouflage, so: „Es ist genau hier der Ort, daß ich auf jenen ‚Utopie‘ genannten Unort zu sprechen kommen muß...“ Bei Musil (Kapitel 99) so: „Hier wäre nun der Ort, um von Tante Jane zu reden, an die sich Ulrich dadurch erinnerte, daß er in alten Familienalben blätterte.“

Aha! Hier „wäre“! Konjunktiv! Rückziehertaktik! Ganz sicher kann man also nirgendwo sein, selbst wenn es bloß um den Ort geht, an dem man endlich, statt detailliert über Holz nachzudenken, problemlos von Tante Jane und ihrer Situierung reden könnte – kurzum: Wann wird das endlich mal anders und vor allem wo?

Wo ist der Ort, wo all diese Scheinasylanten sich friedlich ausbreiten dürfen und endlich wissen, wohin sie ihr Haupt betten können, und sich nicht mehr zerreißen lassen müssen von gesellschaftlichem Genanntwerden und existentiellem Rausschmiß?