ARD, Montag, 22. März, 15.03 Uhr: "Die Wüste lebt" von Walt Disney

Zeitsprung rückwärts, vierzig Jahre. Die Filmmusik jubiliert und jault. Der Sprecher bibbert und schmettert schamlos zwischen Heimatfilm-Lyrik und Wochenschau-Pathos.

1953, das war Kinderzeit, Adenauerzeit, Disneyzeit. Die Zeit, als es im Kino keinen Film gab ohne Vorfilm – und der schönste Vorfilm war der Kulturfilm. Und "Die Wüste lebt" war der Vorfilm als Hauptfilm (67 Minuten), der König aller Kulturfilme – und unser erster Kultfilm überhaupt. Mit ihm begann die Reiselust und das Fernweh – zu einer Zeit, als ein Sonntagspicknick an der Wupper noch ein Abenteuer war und eine Sommerfrische in den bayerischen Bergen eine Weltreise. "Die Wüste lebt" war auch der Anfang aller Amerika-Träume, aus denen manche Kinder erst erwachten, als sie Bärte hatten und man das Jahr "achtundsechzig" schrieb.

Und jetzt also das unverhoffte Wiedersehen. Die Gefühle sind seltsam gespalten, Glück ist dabei, aber auch Entrüstung. Die Wüste lebt, noch immer. Sagt der Kindskopf in uns. Die Wüste lügt, widerspricht grämlich unser geschärftes kritisches Bewußtsein. Und bevor nun beide übereinander herfallen, behaupten wir einfach schnell, daß beide recht haben. Und über allen Wüsten ist Ruh’.

Walt Disneys "Living Desert" ist ein Kampfplatz und Festplatz des Todes, der unaufhörlichen Vernichtung, der erbarmungslosen Verdrängung. Da kämpfen zum Beispiel zwei lüsterne Riesenschildkröten um ein plump im Wüstensand hockendes Schildkrötenweib – mit einer Behendigkeit und Bösartigkeit, die alle Legenden von der Gelassenheit dieser gepanzerten Wesen als Lüge entlarvt. Der Sieger-Mann wirft den Verlierer-Mann auf den Rücken – und trottet mit der Angebeteten gemächlich davon. Kein einziger Blick mehr für den Besiegten, der nun hilflos auf dem Panzer liegt und strampelt. Der dem jammervollen Liebestod nur mit Not entrinnt. Massaker im Tierreich, Shakespeare im Wüstensand.

Das dubiose Disney-Wunder des Films ist nun, daß er den Schrecken niemals leugnet – und ihn dennoch vollständig versüßt und verzaubert. Wie er jedem Todeskampf einen Lebensjubel abgewinnt. Wie er noch im ödesten Wüstenwinkel ein Gärtlein Eden aufspürt. Wie er immerzu pastoral "das Hohelied der Lebenskraft, herausfordernd und geheimnisvoll" anstimmt. So ist dann am Ende, wenn die Regenfluten kommen und die Blüten in Zeitraffer süß erblühen, aus dem Dokumentarfilm ein Märchenfilm geworden. Aus der Wüste eine Abteilung von Disneyland, ein Vorort von Entenhausen.

Der Film rührt uns, also lügt er uns an. Der Film rührt uns, also öffnet er uns die Augen – man wird nach seiner Betrachtung jedem Wassertropfen, jedem Vogelgesang, jedem Regenwurm mit einer gewissen Andacht begegnen. Blöd? Oder schön?

Das Fernsehen zeigt "Die Wüste lebt" zum Frühlingsanfang, sinniger geht es nicht. Denn was, bitte, ist der Frühling? Eine Tatsache? Oder die beste aller Lagen? Die Welt wird schöner mit jedem Tag. Sagt der Dichter. Aber was sagt die Welt? Benjamin Henrichs