Von Manfred Sack

Demnächst, wenn der Brasilianer Baden Powell nach langer, langer Pause wieder durch unsere Konzertsäle reist, wird mancher sich erinnern: an die Zeit um 1970 herum. Wuchernde Gitarrenzeit. Wohin man damals hörte: Gitarren. Das beliebteste Lerninstrument: die Gitarre. Der Marktrenner in allen musikalischen Sektionen, in Beat und Song, Folklore und Klassik: die "akustische" Gitarre. Bis die Rockmusik sie in den Hintergrund dröhnte. Daß die Gitarre natürlich weiter gezupft wurde, zeigen unter anderen diese Veröffentlichungen, denen allen dreien etwas Klassisches haftet.

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"Sweet Peanuts" mit Thomas Stabenow (Kontrabaß) und Lothar Schmitz (Gitarre), zwei exzellenten Musikern: feiner, distinguierter Kammerjazz. Schon mit der Auswahl ihrer Melodien – Jazz-Evergreens von Jerome Kern und John Green, Ellington und Gershwin, Sonny Rollins (und Johann Abraham Peter Schulz) – bekennt sich das Duo zur alten Kunst des Modernen Jazz. Jedes Thema wird, eigenwillig formuliert, eingeführt, dann, wie es sich gehört, im Wechsel variiert, mal flink, mal versonnen, fließend oder zögernd. In den Soli läßt sich einer vom anderen enthusiasmieren, stützen, anfeuern, komplettieren. Es geschieht mit rhythmischer Phantasie und klangfarbenreich. Stimmt schon: Es sind (natur-) süße Früchte, die der Titel ankündigt, ungezuckert. (Basic-Sound 007; auch bei Jazz Is Beck, Marienplatz 11, 8000 München 2)

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"Momentes da Guitarra Portuguesa" mit Pedro Caldeira Cabral, begleitet von Francisco Perez. Man kann diesen sechzehn aus der landesüblichen Volksmusik, dem fado, gewachsenen Liedern, Balladen, Charakterstücken und Variationen nicht beikommen, ohne ein Wort über das Instrument, die der Mandoline ähnelnde portugiesische Gitarre, zu sagen. Sie hat einen dunkel timbrierten, festen Ton, so prägnant und fast so spitz wie die Zither. Und so ist es nicht der bekannte Gitarrenklang, der romantische Stimmungen hervorruft (oder, wie hier, eine merkwürdig heitere Melancholie), sondern erst das Spiel, wie es dem virtuosen Pedro Caldeira Cabral und seinem Begleiter (auf der üblichen Gitarre) gelingt. Das ist, in den melodienseligen wie den akkordverliebten Stücken, in figurativen wie in den harmonischen Wendungen ungemein reich an Facetten. Ein zugleich informativer und sprachlich kultivierter Text (von Klaus Frederking) hilft nicht wenig, dieses anmutige Konzert zu erleben. (FMS 2041, Fenn Music Service GmbH, Holtenklinker Str. 62, 2000 Hamburg 80)

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"Jazzpaña" von Vince Mendoza und Arif Mardin. Schon im Titel soll anklingen, was erstrebt worden ist: eine Symbiose von Jazz und Spanien, und Spanien ist hier (wie in der Vorstellung vieler Leute) eins mit dem Flamenco, der in Andalusien ausgeprägten Volksmusik; und der Flamenco wiederum läßt an träumende und rasselnde Gitarren, an kastagnettenklappernden, füßestampfenden, händeklatschenden Tanz sowie an rauhen, emphatisch sich aufbäumenden Gesang denken. Und genauso beginnt es zwar auch hier mit einem Flamencolied, mit Gitarre und Gesang; doch dann, nach diesem milden Regenschauer, bricht ein Big-Band-Gewitter los, mit wilden Gitarrenläufen, schmetternden Trompeten- und schnurrenden Saxophon-"Blocks", mit klatschenden Händen und dem rauhen, wilden Gesang (von Ramon "El Portugues"). Wir hören den überzeugend geglückten Versuch, den Jazz mit spanischer Volksmusik zu inspirieren. Und so ist hier keine verjazzte Folklore entstanden, sondern eine Art Flamenco tanzender Big-Band-Jazz: originell die Kompositionen, sprühend vor Lärmlust, manchmal auch selbstvergessen die Arrangements, finessenreich die Rhythmik, leidenschaftlich und sehr straff das Spiel der Musiker, das bisweilen aber auch von hektischer Präzision ist: Vollgas-Jazz. (ACT Entertainment Ltd, London; Best.-Nr. 9212-2; auch bei Music + Vision GmbH, Gustav-Freytag-Str. 10, 2000 Hamburg 76)