Von Carl D. Goerdeler

Zakho (Nordirak)

Die ungarische Kalaschnikow kostet vierzig Dollar, für die robustere russische Version fordert Ahmed das Doppelte. Ahmed kann auf dem Basar von Zakho, einem Marktflecken auf der irakischen Hochebene, auch Pistolen und Munition besorgen. Manchem Kurden steht der Sinn jedoch eher nach italienischen Tellerminen. Bei einem Gläschen Tee, auf Munitionskisten hockend, lassen sich alle Geschäfte besprechen. Vor Ahmeds Schuppen drängeln sich die Männer, prüfen mit geübten Händen die geölten Läufe. „Saddam, der Hund, soll nur kommen. Wir Kurden werden ihn mit einer Ladung Blei begrüßen!“ Die Truppen des Diktators stehen jenseits der verschneiten Berge.

Nicht nur im Irak, auch drüben in Syrien leben Kurden, so wie im Iran und in Ostanatolien – insgesamt ein Volk von 25 Millionen Menschen. Türkische Polizeiposten und Panzerkolonnen patrouillieren auf den Wegen in Richtung irakischer Grenze, hinter dem Städtchen Silopi beginnen die Minenfelder. Vor der halbwegs geflickten Brücke über einen Seitenfluß des Tigris haut Ankaras Grenzpolizist einen Ausreisestempel in den Paß – am anderen Ufer liegt ein Niemandsland ohne Einreisestempel: die Schutzzone der Kurden im Irak. Stoppelbärtige Männer, bekleidet mit Parkas, Pluderhosen und Tennisschuhen, spielen lässig mit den Waffen. Das sind die Männer der kurdischen Miliz, der Peschmerga – jene, „die dem Tod ins Antlitz sehen“.

Zähneknirschend muß Saddam Hussein die autonome Zone der Kurden im Nordirak hinnehmen – jedenfalls so lange, wie die Amerikaner sie schützen. Nördlich des 36. Breitengrades gilt für irakische Piloten laut UN-Beschluß ein Flugverbot. Doch das Gebiet der Kurden erstreckt sich weit darüber hinaus bis nach Sulaymaniyah im Süden. Keine ausländische Macht hat dieses „Kurdistan“ bislang anerkannt.

An der Straße nach Zakho haben die Händler vor ihren Zelten Benzinkanister wie Obstkisten aufgebaut. Bis nach Bagdad sind es 440 Kilometer, nur 40 bis zur Front. Wird Saddam zurückkommen, um den Völkermord an den Kurden zu vollenden? Die Kurden im Irak leben in ständiger Angst. „Besser, wir fahren im Konvoi“, meint Hamed, der Syrer. In jeden Jeep klettern zwei Krieger der Peschmerga. An einer Straßenkreuzung scheint eine Werft in dieser steinigen Wüste gestrandet zu sein: Mit Flaschenzügen heben ölverschmierte Männer die Ladeflächen schwerer Lastkraftwagen vom Fahrgestell, schieben dicke Balken darunter, hängen schließlich roh geschweißte Großkanister an die Träger.

Wenigstens einige Kurden verdienen so an einem lukrativen Geschäft mit dem Feind: Der Irak darf laut UN-Beschluß zwar kein Erdöl exportieren. Aber das Volumen eines Lastwagentanks ist manipulierbar – statt 200 Liter schleppt jetzt eben jeder Laster 20 000 Liter mit sich. Im Irak kostet der Sprit nur ein paar Pfennige pro Liter, in der Türkei jedoch ein Vielfaches. So kann der Irak wenigstens etwas Öl verkaufen, und die Kurden profitieren von der Preisdifferenz. Doch nur wenige Menschen können sich am Schwarzhandel bereichern, die meisten leben in größter Armut – und Gefahr.