1.FOLGE

Von Nikolaus Piper

Wer wissen will, wie gefährdet Deutschlands Wirtschaft ist, der sollte nach Schweinfurt fahren. In dieser unterfränkischen Kreisstadt kann er das erste westdeutsche Großunternehmen kennenlernen, dessen Überleben durch die deutsche Einheit ernsthaft in Frage gestellt wurde.

Die FAG Kugelfischer Georg Schäfer KGaA, einer der weltweit führenden Wälzlagerhersteller, hatte im Herbst 1990 das ehemalige DDR-Kombinat Wälzlager und Normteile in Chemnitz mit rund 7500 Beschäftigten erworben. Damals erwirtschaftete der FAG-Konzern mit knapp 35 000 Beschäftigten einen Umsatz von 4,1 Milliarden Mark und einen Jahresüberschuß von 59 Millionen Mark. Heute, zweieinhalb Jahre später, fährt das Unternehmen 330 Millionen Mark Verlust ein, 140 Millionen Mark allein im Osten.

Nun will der ehemalige Hoesch-Chef Kajo Neukirchen als Sanierer mit einer beispiellosen Radikalkur in letzter Minute die Wende schaffen. In Deutschland sollen fünf Fabriken verkauft werden, dazu Produktionsstätten in Italien, der Schweiz, Großbritannien und Amerika. Mit der Treuhandanstalt verhandelt Neukirchen um nachträgliche Vertragsänderungen, und im verkleinerten Restkonzern werden noch einmal 6500 Arbeitsplätze verschwinden. Die Arbeitslosigkeit in Schweinfurt (heute fünfzehn Prozent) wird dramatisch steigen, zumal auch Fichtel & Sachs und SKF, die beiden anderen großen Arbeitgeber der Stadt, mit Auftragsrückgang und Verlusten kämpfen müssen.

Anders als Rheinhausen und Eisenhüttenstadt hat Schweinfurt bisher überregional kaum Schlagzeilen gemacht. Dabei ist der Fall Kugelfischer viel symptomatischer als die ohnehin zum Schrumpfen verurteilte Stahlindustrie. Nicht nur, daß die Krise hier eine Zukunftsbranche erfaßt hat. Hier bündeln sich auch all die ökonomischen Fehler der deutschen Einigung wie in einem Brennglas: Im Einheitstaumel wurden zunächst sowohl die Lage im Osten als auch die eigenen Möglichkeiten maßlos überschätzt, dann die Verschuldung hochgeschraubt; heute ist kaum noch Substanz da, um der Rezession zu begegnen.

Schweinfurt ist überall. Die Zahl der Pleiten in Deutschland stieg 1992 um vierzehn Prozent, Auftragseingang und Industrieproduktion stürzten gegen Jahresende ab, die Konjunkturforscher korrigieren ihre Prognosen laufend nach unten. Das Bruttosozialprodukt wird 1993 wahrscheinlich um zwei Prozent schrumpfen. Insgesamt suchen heute in Deutschland 3,5 Millionen Menschen eine Beschäftigung, am Jahresende werden es wohl vier Millionen sein. Quasi in letzter Minute hat sich die politische Klasse des Landes über einen Solidarpakt zur Regelung der Staatsfinanzen geeinigt und damit eine fundamentale Krise des Föderalismus abgewehrt. Aber die Bonner Klausur hat auch gezeigt, daß Staatsverschuldung und Steuerlast im vereinten Deutschland mittelfristig viel höher bleiben werden, als es die Westdeutschen bisher gewohnt waren.