Ob Mickey Kantor überhaupt noch den Überblick über seine fortwährenden Drohungen hat? Der Handelsbeauftragte des amerikanischen Präsidenten teilt nach allen Seiten aus. Sein vorläufig härtester Punch: Er ließ geplante Gespräche in Brüssel über bessere Chancen ausländischer Unternehmen bei öffentlichen Aufträgen platzen und will die Europäer von nächster Woche an dafür bestrafen, daß sie in dieser Frage angeblich so unflexibel sind.

Gleichzeitig nahm er sich wieder einmal die Japaner zur Brust, weil sie die Einfuhr amerikanischer Computerchips begrenzt haben. Kaum im Geschäft, scheint der ehemalige Rechtsanwalt schon die Nase voll zu haben vom langwierigen Verhandlungsgerangel mit den bockigen Europäern und Japanern.

Natürlich spielen dabei auch taktische Überlegungen eine Rolle: Kantor mimt in der Aufführung den bösen Buben, der Amerikas Härte demonstriert, um von Europa und Japan Konzessionen zu erwirken. Dann redet Bill Clinton, der Gute im Spiel, wieder vom Freihandel und weist auf die Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn man sich nur einigen wollte.

Eine Taktik könnte man das schon nennen, nur steht dahinter keine vernünftige Strategie. Der Handelsbeauftragte selbst hat zugegeben, daß seine Regierung für die Liberalisierungsgespräche im Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (Gatt) ihr Vorgehen immer noch nicht abgestimmt hat. So gestatten die Amerikaner etwa British Airways auf der einen Seite, Anteile der heimischen Fluglinie USAir zu übernehmen, während sich Kantor auf der anderen Seite als rachelustiger Protektionist gebärdet – und niemand weiß mehr, woran er mit Washington ist.

Mit ihren leichtfertigen Aktionen erreicht die neue Regierung in Washington nur zweierlei: Erstens stärkt sie die freihandelsfeindlichen Fraktionen in Brüssel und Tokio; zweitens gefährdet sie eine mögliche Einigung in den nunmehr sechsjährigen Gesprächen der laufenden Gatt-Runde.

Amerika wie auch die anderen Industrieländer mag das nicht weiter stören. Am meisten leiden darunter sowieso andere: die Entwicklungsländer, die dem Streit der Industrienationen nur noch hilflos zuschauen können. Schon 1980, schätzen Fachleute, kosteten die Festungen Japan, Europa und Amerika die Entwicklungsländer 55 Milliarden Dollar an entgangenen Exporten – fast soviel, wie die weltweite Entwicklungshilfe in jenem Jahr ausmachte. Seither haben die Industrieländer die Handelshürden noch erhöht.

So lassen sich die Amerikaner aus Angst vor Schaden für die eigene Konjunktur zu ebenso unheilvollen wie kurzsichtigen Schritten verleiten. Schneller noch als die Vertreter anderer Industrieländer sind sie dabei, wenn es darum geht, die langfristigen Vorteile des Freihandels auszumalen – um sie, zumindest neuerdings, schleunigst wieder der Taktik unterzuordnen.

Dabei hätte Washington tatsächlich einigen Grund, sich zu beklagen. Vor dem Ende des Kalten Krieges haben die Amerikaner der internationalen Sicherheitspolitik schon mal eigene Handelsinteressen geopfert – im Gegensatz zu den Partnern. Und die benehmen sich auch jetzt noch keinen Deut besser: Erst vor zehn Wochen verbat die EG amerikanischen Firmen, an bestimmten öffentlichen Ausschreibungen teilzunehmen; abweisender hätte der Antrittsgruß für den neuen Mann im Weißen Haus kaum ausfallen können. Doch eine Taktik mit Zuckerbrot und Peitsche, wie sie Kantor und die amerikanische Regierung vorführen, kann lange und zähe Verhandlungen nicht ersetzen – schon gar nicht in der Wirtschaftsflaute, die allen Beteiligten das Nachgeben so schwermacht. Uwe Jean Heuser