EBENHAUSEN. – Sehr verehrter Großer Führer! Hut ab, Großer Führer Kim II Sung. Das war ein diplomatisches Meisterstück. Nicht nur haben Sie Zeit gewonnen, um Ihre Bombe in Ruhe fertigzubauen und eventuellen Sanktionen durch die Völkergemeinschaft jede rechtliche Basis genommen. Sie haben auch den eigentlich toten Kalten Krieg in vitro wiederhergestellt und damit einen Entspannungsprozeß in und um Korea zum Stillstand gebracht, der Ihnen selbst und Ihrer Juchhe-Ideologie der nationalen Unabhängigkeit in absehbarer Zeit die Existenzberechtigung entzogen hätte.

Den sogenannten Freunden in Peking, die Sie seit nun fast zehn Jahren zu dieser Öffnung drängen, geschieht es nur recht, wenn sie jetzt selbst in der Zwickmühle sitzen. Haben sie es doch gerade erst abgelehnt, Ihrem designierten Nachfolger und Sohn, dem Geliebten Führer Kim Jong II, einen angemessenen Empfang in der Verbotenen Stadt zu bereiten. Und damit die Nachfolge zu sanktionieren.

Wenn nun die Imperialisten, Revanchisten und Militaristen in Washington Seoul und Tokio etwas Drastisches beschließen sollten, wird, das haben Sie vorausgesehen, China solchem innerhalb und außerhalb der Uno im Wege stehen.

Die drei Kriegstreiber werden sich aber auch gegenseitig das Leben schwermachen. In Seoul demonstrieren Studenten gegen die amerikanische Sabotage der koreanischen Wiedervereinigung – auch das haben Sie vorausgesehen. Eine gemeinsame Intervention mit Imperialisten und dem japanischen Erbfeind kannte den Namensvetter im Süden die gerade gewonnene Präsidentschaft kosten.

Sie werden also wohl langwierige Verhandlungen mit den Amerikanern über einen eventuellen Wiederbeitritt zum Atomwaffensperrvertrag führen und sich ansonsten erst mal zurücklehnen. Sie werden diese Verhandlungen in Peking führen und die dort ausgebrochene Hektik miterleben. Sie werden mal sehen, was die Chinesen anzubieten haben, Erdöl zum Beispiel, zum Vorzugspreis.

Energie ist ja in der Tat ein drängendes Problem, wenn sich das „Land der Morgenstille“ weiter mit Hilfe von einer Million Soldaten vom Rest der Welt abkapseln will. Das Energieproblem hat ein Devisenproblem verursacht, seit die Renegaten in Peking und Moskau für ihr Öl Dollars verlangen. Und das Devisenproblem ist wahrlich kein Anlaß zum Optimismus, vor allem wegen der sechs Milliarden Dollar Auslandsschulden. Auch wenn Sie Ihrem Volk weiter erzählen, daß die Brüder und Schwestern im Süden unter der Knute feudaler Ausbeuter darben, könnten Mangel und Hunger für Unruhe an der Basis in Ihrem Lande sorgen, Prachtstraßen hin, Sportstadien her. Das wiederum haben die Gegner vorausgesehen.

Die Gegner glauben auch, daß Sie gesundheitlich nicht auf der Höhe sind (und beziehen Sie Ihre Arznei nicht aus China?), daß in Partei und Armee gelegentlich schon schüchterner Widerspruch zu Ihrem Führungsstil laut wird und sich die dynastische Nachfolge unter Turbulenzen vollziehen könnte. Ihre Widersacher sind auch der Meinung, daß der Besitz der Bombe unter solchen Umständen eine reale Gefahr für den Weltfrieden wäre. Sie mögen, als alter Fachmann für innere Sicherheit, darüber schmunzeln. Sie wissen auch genau, daß die Bombe, wenn sie denn fällt, Ihnen selbst auf den Kopf fällt. Aber wissen die anderen, daß Sie das wissen?