Von Christa Piotrowski

Beige, dunkelgrün oder bordeauxrot wird in dieser Boutique nicht einmal unter dem Ladentisch verkauft. Sonnengelb und orangerot, vipergrün und elektrikblau sind die Designerstücke. Unter schweren Kristalleuchtern funkeln Abendroben, die mit Hunderten von Pailletten bestickt sind und Tausende von Dollar kosten.

Der Mehr-kann-nie-genügen-Chic von Beverly Hills ist bei Fred Hayman zu finden. Seit mehr als drei Jahrzehnten residiert der gebürtige Schweizer, der 1941 in die USA emigrierte, am Rodeo Drive. Hayman ist der Gründer von „Giorgio“. Die Boutique mit den gelb-weiß gestreiften Markisen, einer Bar, offenem Kamin und Billardtisch war nicht irgendein Modegeschäft. Sie war ein Club, dem alte Hollywood-Stars wie Nathalie Wood, Ava Gardner und Rita Hayworth die Aura verliehen. Elisabeth Taylor, Shirley MacLaine, Jane Fonda und Barbra Streisand kamen und fanden, wonach sie in allen anderen Läden der Stadt vergeblich suchten: Exklusivmodelle von Halston, Thea Porter, Giorgio di Sant’ Angelo und Scott Berry.

Die gelb-weiß gestreiften Giorgio-Markisen an Haymans Boutique sind inzwischen eingemottet. Hayman hat den Namen Giorgio und das dazugehörende Erfolgsparfum 1987 nach seiner Scheidung für 136 Millionen Dollar an das Kosmetikunternehmen Avon verkauft. Den Laden hat er jedoch behalten. Noch immer ist die Boutique mit den Modellen von Alai’a, Genny oder Karl Lagerfeld ein Club der Reichen und Schönen: Madonna und Cher kaufen hier ihre Schuhe, arabische Prinzessinnen ihre Souvenirs. Selbst Politiker wie George Bush und Gattin Barbara sowie General Schwarzkopf finden hier das passende Party-Outfit.

An den Wänden hängen Autogramme der exklusiven Klientel, überschwengliche Danksagungen an „Fred“, ohne den die Prominenz aus Politik und Entertainment oft genug verloren gewesen wäre. Einmal im Jahr verlangt Fred Hayman von seiner Kundschaft allerdings eine Art Gegenleistung. Wenn die Academy zur Oscar-Verleihung ruft und die Filmindustrie zu ihrer größten Party lädt, wünscht der Hollywood-Couturier sich vor allem eines: „Sie können konventionell oder weniger konventionell gekleidet sein – Hauptsache, sie sehen alle glamourös aus!“

Um Glanz und Glamour nicht dem Zufall zu überlassen, wurde Hayman vor fünf Jahren zum ehrenamtlichen „Modekoordinator“ der Oscar-Show ernannt. Der jüdische Emigrant, der in New York im Waldorf Astoria einst Banketts arrangierte, organisiert nun „die größte Modenschau der Welt“. In den alten Hollywood-Tagen sorgten die Studios dafür, daß ihre Stars in der Öffentlichkeit glänzten. Heute bietet Fred Hayman Rat und Tat an. Wochen vor der Oscar-Verleihung stellt er ein Repertoire von Roben zusammen, die er für angemessen hält – von Oscar de la Renta, Givenchy, Geoffrey Beene und Carolina Herrera. In den hinteren Räumen seiner Boutique hängen sie zur Ansicht.

Nur wenige kommen, wie die Schauspielerin Marisa Tomei, bereits Wochen vor dem Ereignis persönlich vorbei. Die meisten sind diskret und verzichten auf die Fahrt im Rolls Royce, den Hayman seiner Kundschaft als Service anbietet. Viele schicken ihre Garderobieren oder lassen sich die Modelle am Wochenende vor der Oscar-Verleihung in ihre Hotelsuiten bringen.

Alles geliehen. Oder aber – und damit tun sich die Designer selbst den größten Gefallen – geschenkt. Schließlich verfolgen mehr als eine Milliarde Zuschauer das Oscar-Hochamt an den Bildschirmen. Wer welches Modell gewählt hat, wird sorgfältig in Listen eingetragen, damit bloß nicht zwei im gleichen Outfit erscheinen. Vom passenden Schuhpaar bis zum (definitiv geliehenen) Diamantencollier kann Hayman nahezu alles besorgen. Wenn es sein muß, sogar ein ganz bestimmtes Modell von Valentino, Hermes oder Chanel. Dann macht sich Hayman selbst auf den Weg. Der alte Glanz von Hollywood ist ein paar Schritte über die Straße allemal wert.