Außerordentlich viele Leute reisen, obwohl man denken könnte, daß sie in einem System mit umfassender Bevormundung ruhig zu Hause bleiben und das Gefühl haben könnten, alles sei in bester Ordnung“, meinte Joseph Pia (1897 bis 1981) – und gesellte sich zu ihnen. Nachdem er 25 Jahre lang als Auslandskorrespondent für spanische Zeitungen unterwegs gewesen war, vagabundierte er nun, 1941/42, in klapprigen Autobussen durchs eigene Land, das nordöstliche Katalonien. Von den Erlebnissen und Eindrücken seiner Fahrten über die Dörfer erzählt er in dem feuilletonistischen Bericht Die Autobusreise. Katalanische Impressionen (Schönbach Verlag, Hannover/Basel 1991; 229 S., 32,– DM), der bereits 1942 im Franco-Spanien auf kastilisch und nun in der schönen Übersetzung von Magdalena Rauch auch auf deutsch erschienen ist. In anekdotenreichen Geschichten werden auf unterhaltsame Weise Landschaften, Natur und Menschen dieser Region skizziert.

Sobald Sefior Pla gemäß dem „Pascalschen Zufall sein Gesäß in diesem fürchterlichen, lärmigen Vehikel plaziert hatte“, riskierte jeder, der sich neben ihn setzte, daß sein Weltbild im Geplauder mit dem Reisenden Kratzer bekam. Und auch wenn Pla mal nicht mit dem Bus, sondern mit dem Zug fuhr, im Gasthaus übernachtete oder Freunde auf dem Land besuchte, immer beobachtete er, und niemand und nichts war vor seinen humorvollen, ironischen und nachdenklichen Kommentaren sicher.

Alltägliche Ereignisse nutzt er zu Anspielungen auf die politische und ökonomische Situation der Jahre nach dem Bürgerkrieg. So stehen Schwarzhandel, Lebensmittelknappheit und persönliche Bereicherung im Mittelpunkt seiner Reflexionen, wenn er an Markttagen zuschaut, „wie die Luft aus dem Bus verdrängt und durch verderbliche Ware ersetzt wird“.

Er unterhält sich über die Liebe, die Flucht in Illusionen, die Melancholie der Herbsttage, ein gutes Schnepfenessen. Mit dem Wirt philosophiert er über die Unsitte der Spanier, die Schuhe an der Bettdecke zu polieren; mit Don Amadeo diskutiert er über die katholische Religion, die es Liebhabern von Biskuitrollen ermögliche zu glauben, sie könnten im Jenseits bis in alle Ewigkeit Biskuitrollen essen.

Joseph Pias distanzierte und doch engagierte Sichtweise eröffnet Einblicke in die damaligen Probleme Spaniens, damit aber auch in das bis heute gültige und vielbeschriebene Katalanische.

Ursula Nestler