Von Astrid Joosten

Entweder gehst du nun zum Arzt, oder ich rufe den Krankenwagen“, sagt Ulrike zu Else, die seit zwei Tagen im Bett liegt, von Husten geschüttelt, mit weichen Knien, ihre weißen Haare im Federkissen vergraben. Und wie immer, wenn sie mal krank ist, meint Else: Es gibt doch schlimmere Fälle, um die sich die Mediziner kümmern müssen. Aber damit kommt sie bei der 45 Jahre jüngeren Mitbewohnerin nicht durch. Kurzerhand greift Ulrike zum Telephon und organisiert einen Arzttermin.

„Ja, man ist hier gut aufgehoben“, sagt die 80jährige Else Jahnke etwas spöttisch, aber doch dankbar, und erzählt von den anderen neun Hausbewohnern. Von den beiden ältesten, der 92jährigen Gertrud und der 84jährigen Annemarie. Von den „nachwachsenden Alten“ Inge, 49, und Hartwig, 48. Von Enno, 48, und seiner 3jährigen Tochter Anna-Alicia. Und von den „Jungen“: Martina, 39, Jürgen, 36, und Ulrike, 35. Sie alle leben in der Lerchenstraße 37 im Hamburger Stadtteil St. Pauli, in der vor sechseinhalb Jahren gegründeten Hausgemeinschaft Alt und Jung. Acht Wohnungen auf vier Etagen zum Sozialmietpreis. Drumherum ein ruhiges Viertel für einfache Leute. Im Erdgeschoß haben die Grauen Panther Hamburg ihre Vereinsräume. Auch die Hausbewohner sind Mitglieder der Selbsthilfegruppe, die sich für menschenwürdiges Altern einsetzt. „Wir wollen unser Leben nicht im Heim beenden, wo man seine Persönlichkeit an der Tür abgeben muß“, sagt Else. Vor diesem Los braucht im Wohnprojekt keiner Angst zu haben.

Als Annemarie Hartmann 1986 als Zweitälteste in die Lerchenstraße zog, fand sie es anfangs gar nicht so einfach, sich an die vielen Menschen zu gewöhnen. Die meisten anderen kannten sich ja schon von jahrelanger „Pantherarbeit“, Annemarie war dagegen erst kurz vorher zu der Gruppe gestoßen. Doch in ihrer alten Wohnung in einem Hochhaus in Hamburg-Horn hätte sie nicht mehr bleiben können. Jugendliche, die im Treppenhaus randalierten, Nachbarn, die sie gar nicht kannte – da war die Angst zu groß gewesen. Früher hatte sie gearbeitet und gearbeitet, in der Tabakfabrik und im Haushalt, um ihre beiden Töchter großzuziehen. Doch mit den Jahren hatte die Witwe viel von ihrer Stärke verloren. Die Hausgemeinschaft war da ein Rettungsanker, an dem sie sich festhalten konnte.

„Wenn ich die anderen nicht hätte...“, meint die 84jährige heute und streicht sich mit ihren schmalen, leicht zitternden Händen, über den dunkelblauen Rock. Dabei denkt Annemarie an den vergangenen Sommer, als sie so starke Depressionen bekam, daß sie sechs Wochen ins Krankenhaus mußte. Jeden Tag hatte sie Besuch von den Hausgenossen aus der Lerchenstraße, bis sie wieder genug Kraft besaß, zurück in ihre Wohnung zu kommen. Jetzt geht es ihr zwar besser, aber ganz die alte ist sie immer noch nicht. Da tut es gut, einfach irgendwo klingeln zu können, wenn ihr danach zumute ist. Mal in den Büroräumen der Panther ihren Kopf zur Tür hereinzustecken und nachzusehen, was so los ist. Oder Jürgen zu fragen: „Guckst du morgen bei mir vorbei?“ Andererseits weiß Annemarie Hartmann, daß auch sie gebraucht wird. Die 84jährige hilft der 92jährigen Gertrud, mit der sie sich angefreundet hat, beim Einkaufen und beim Baden. Und wenn Jürgen mit Fieber im Bett liegt, macht Annemarie ihm Wadenwickel und kocht Kräutertee.

Alt und Jung unter einem Dach: Eine neue Wohnform versucht vorzuleben, was einst gang und gäbe war. „Heute gehen Fünfzig-, Sechzigjährige bewußter an die Frage heran, wie sie im Alter leben wollen“, sagt Ulrike Petersen aus der Lerchenstraße. Denn die Alten wollen nicht mehr schicksalsergeben darauf warten, was mit ihnen passiert, wenn die Beine wackeliger werden.