Von Gero von Randow

Jüngere wie ältere Menschen leben mit Sachen, die jüngere Menschen gestaltet haben. Aber für wen gestalten die Jüngeren? Für ihresgleichen.

Denn kaum jemand beherzigt, was am Zentrum für angewandte Aiternsforschung der Universität Birmingham (Großbritannien) jedermann weiß: "Entwirf für die Jungen, und du schließt die Alten aus. Entwirf für die Alten, und du schließt die Jungen ein."

Flakons für Augentropfen sind ein Beispiel. Wer Arznei in sein entzündetes Auge tröpfeln will, dessen Hand darf nicht zittern oder steif sein. Aber selbst einer ruhigen Hand geht bei dem lästigen Gefummel mit der Tropfenflasche oft das meiste daneben. Speziell für alte Menschen erfand die Londoner Firma Ideo daher einen Flakonhalter aus Weichplastik. Der Patient legt sich hin und setzt den Halter über das Auge. Nun hat das Fläschchen den richtigen Platz. Auge auf, leicht drücken, und der Tropfen trifft. Einfach, genial – und nützlich für alle, egal ob jung oder alt.

Was Alten hilft, nützt allen: transgenerational design, also generationsübergreifendes Entwerfen, ist das Schlagwort einer kleinen, aber wachsenden Bewegung unter Designern, Ergonomen, Ingenieuren und Gerontologen (Alternsforschern). Sie formiert sich vor allem in Großbritannien, in Schweden, in den USA und den Niederlanden (dort unter dem Schauderwort "Gerontechnologie").

Für November 1993 hat das britische Royal College of Art zu einem europäischen Symposium eingeladen, auf dem Ideen für generationsübergreifendes Design vorgestellt werden sollen. Hauptrednerin wird die Designerin Patricia Moore sein. Vor einigen Jahren reiste die damals 35jährige durch die USA, verkleidet als alte Frau, und nicht nur das: Mit Spangen und Bändern schränkte sie ihre Beweglichkeit ein, behinderte mit einem Stift ein Kniegelenk, klebte einige Finger zusammen und verschmierte ihre Kontaktlinsen mit Vaseline. Patricia Moore erfuhr, wie die Dinge des Alltags ihr den Zugang verweigerten, wie sie aus der technisch vermittelten Welt ausgeschlossen wurde.

Für das alternde Auge, das weniger genau, weniger farbspezifisch und weniger lichtempfindlich sieht, sind zum Beispiel die digitalen Anzeigen der Mikrowellenherde, Videoapparate oder anderer Geräte meist nicht geschaffen. Deren Zeilen sind häufig schmal und düster, die Farbkontraste fallen schwach aus, und viele Signale kommen grün und blau daher: also in langwelligem Licht, das der alternde Mensch nur schlecht wahrnimmt. Überdies wird das visuelle Signal von optischen Reizen des Geräts gestört, zum Beispiel von den todschicken glänzenden Oberflächen. Wer sich im Hi-Fi-Laden umsieht, muß den Eindruck gewinnen, hier hätten Designer nach dem Prinzip gehandelt: "Unternimm jede Anstrengung, daß Opa nicht an die Stereoanlage geht."