Von Adolf Theobald

Es hörte sich so gut an: FDP-Mitglied Helmut Markwort forderte FDP-Mitglied Rudolf Augstein heraus. Nicht politisch, sondern publizistisch. Ein "modernes" Nachrichtenmagazin sollte dem "deutschen" Konkurrenz machen. Die Begründung klang plausibel: Andere Länder haben mehrere Spiegel, Deutschland hat nur einen. Warum eigentlich? Zwar war der Versuch, einen zweiten zu plazieren, schon fünfzigmal gescheitert. Diesmal aber kam die Drohung aus gutem Haus: dem Münchner Großverlag Burda (Bunte, Bild und Funk). Und die beiden Protagonisten standen für Ehrgeiz (Verleger Hubert Burda) und Erfolg (Chefredakteur Helmut Markwort). Letzterer hatte sich von ersterem dieses Projekt als Prämie für seine Rückkehr ins Mutterhaus ausbedungen.

Burda hielt Wort. Hubert und Helmut statteten dem Wunschkonkurrenten im Norden einen artigen Besuch ab und versicherten ihm, es würde schon nicht so schlimm. Da sollten die beiden recht behalten.

Am 18. Januar hing die erste Ausgabe von Focus an den Kiosken. Seidem sind zehn Ausgaben erschienen, montags, zu vier Mark. Auflage: 600 000. Verkauf: sehr gut. Käuferkreis (anfangs): Spiegel- Leser, Spiegel-Müde, Spiegel-Gegner. Die Sehnsucht nach einer Alternative zum Störenfried aus Hamburg war groß. Ebensogroß war deshalb die Enttäuschung über eine schon wieder vertane Chance. Kollegen urteilten übereinstimmend: vierfarbige Rüsche an der Zeitungsszene (FAZ), Schweinchenrosa (SZ), Konfetti-Journalismus (Der Kontakter). Der Branchen-Dienstmann Günter Kress faßte zusammen: Wo ist die neue Idee, der Biß, der Tiefgang?

Und was sagte man beim Spiegel? Kein einziges Wort fiel über Focus in der montäglichen Redaktionskonferenz am 18. Januar. Man hatte das Heft ja gelesen. Ich kann mir vorstellen, wie Karasek an Kortner als Kritiker erinnert wurde: Die müssen noch viel proben, bis wir sie schlecht finden. Daß die ZEIT erst heute zur Feder greift, hat einen kollegialen Grund: Man sollte mehrere Hefte gelesen haben, will Nach-Sicht.

Focus beschreibt sich selbst als "Information ohne Umwege". Das ist trefflich formuliert, genau auf den Punkt – wie man so sagt. Ziel solcher Information ist die kürzeste Verbindung zwischen Anfang und Ende eines Artikels, eines Themas. Schnell, allzu schnell ist der Leser am Ende, stutzt und fragt sich: Und nun? Oder wie Chefredakteur Markwort in einem Editorial die politische Lage in Bonn kommentiert: "Der Kanzler ist wieder in Bonn, aber die Mäuse tanzen noch immer auf dem Tisch. Nanu!"

Information ohne Umwege. So etwas nennt man Kurzstreckenjournalismus. Augstein nervt in der Redaktionskonferenz Kurzdenker mit der lästigen Frage: Was lehrt uns das? Die Frage beantwortet, erledigt sich und den Betroffenen meist von selbst. Themen in Focus, derart auf den Punkt gejagt, summieren sich zu einer Fülle von Nichtigkeiten. Das ist es, was das Lesen von Focus so unbefriedigend macht. Der Inhalt des Heftes zerfällt in Puzzleteile, die nicht ineinandergreifen. Die Welt wird beschrieben anhand von Fußnoten. So geht der Überblick nicht verloren, er ist erst gar nicht da. Einordnung, Bewertung, Kritik – nahezu unmöglich.