Auch in der Politik hinterläßt enttäuschte Liebe oft ein Erinnerungsgemisch aus schönem Schein und – Scham. Und dies sogar, wenn man – wie der Autor dieser Memoiren sich vorstellt – "zuerst Soldat, dann erst Politiker war". Jaruzelski, der General aus der polnischen Landadelsfamilie, der den Auf- und Abstieg vom Klosterschüler zum Zwangsarbeiter, vom Leutnant zum Armee- und Staatschef und schließlich zum Konkursverwalter des Regimes immer den Kommunisten zu verdanken hatte, rechnet in diesem Buch mit sich selbst ab. Ehrlich, ohne seinen naiven Idealismus hinter der stets militärischen "Haltung" zu verstecken, hält er sich den Spiegel vor, gibt er sich dem Leser und sich selbst als ein oft und doch nicht immer irrender Patriot zu erkennen.

So gönnt er sich den Trost, den ihm wohl auch die Geschichtsschreibung schwerlich streitig machen kann: daß das Kriegsrecht, mit dem er die regime- und blocksprengende Freiheitsbewegung in Polen 1981 jäh abbremste, "das kleinere Übel" war. Das größere wäre damals – so weist Jaruzelski ziemlich glaubhaft nach – die (tatsächlich drohende) sowjetische Intervention gewesen. Ihr in Polen gewiß blutiger Verlauf mit entsprechenden Kettenreaktionen hätte – so meint Jaruzelski – Perestrojka und Wende in Osteuropa fraglich, wenn nicht unmöglich gemacht. "Wir Polen mußten durch das Fegefeuer gehen, doch ohne zu behaupten, daß wir heute ein Recht auf das Paradies hätten. Ich weiß nur, daß wir die Hölle vermieden haben."

Nicht von ungefähr kommen Jaruzelski derlei "fromme" Begriffe in den Sinn. Zum erstenmal schildert er seinen Glaubenswechsel. Noch 1943 schrieb der Zwanzigjährige, der vier Jahre vorher mit Eltern und Schwester nach Sibirien verschleppt worden war, aus der sowjetisch-polnischen Offiziersschule an die Mutter: "Niemand wird so leicht meine Überzeugungen einstürzen. Moralisch fühle ich mich besser, seit ich gebeichtet habe und zur Kommunion gegangen bin." Schlau hatte Stalin den Polen, die an seiner Seite für ihre Heimat und Heimkehr kämpfen wollten, Militärpfarrer zugestanden und sich bei manchen, wenn auch wenigen, als der große Rächer und Befreier Polens dargestellt; zumal bei jenen, die – wie Jaruzelski – dabei mithalfen, Hitlers Armeen bis Berlin zurückzuschlagen. Diese Waffenbrüderschaft bezeichnet der General als Sein "Schlüsselerlebnis". Es bewog ihn nach Kriegsende – "ich wußte nicht, wohin, ich hatte nichts" – in der Armee zu bleiben; sie wurde sein "neues Heim". Und langsam auch eine Art geistiger Zuflucht und ideologischer Vermittler. Erst 1947, als Hauptmann auf der Infanterieschule, trat Jaruzelski in die kommunistische Arbeiterpartei ein. "Ich war auf der Suche nach einem Ideal, einem Glauben ... Ich hatte aufgehört, zu beten." Überdies mußte er nun auch den sozialen Komplex seiner adeligen Herkunft kompensieren. Noch bevor der Stalinismus ganz die Oberhand gewonnen hatte, war der stramme Offizier schon Stalinist. "Es war unsere Religion... Ich war Dogmatiker, ... mit Gewißheiten gepanzert."

Und diese wurden weder durch das kurzlebige polnische Tauwetter von 1956 noch durch Jaruzelskis erste Reise nach Westen, 1960 nach Italien, erschüttert. Im Elendsviertel von Neapel sah er seine Vorstellung von Kapitalismus bestätigt. Rückblickend erscheint ihm dies als "paranoid", ja er erkennt in solcher "Blindheit eine der wesentlichen Ursachen für die Ereignisse, die Ende der achtziger Jahre zum Zusammenbruch einer ganzen Weltanschauung führten". Mit einem "tauben Gefühl von Scham und Schande" erinnert er sich an die antisemitische Kampagne in seiner Partei, die er 1967/68 passiv hinnahm. 1970 jedoch war er dann – nach dem blutig niedergeschlagenen Arbeiterprotest in Gdańsk – als "Herr der Armee" am Machtwechsel von Gomulka zu Gierek wesentlich beteiligt. Freilich, nicht auf Grund neuer Einsichten, sondern aus jenem Sicherheitsdenken, das – national wie international – am Freund-Feind-Schema des Militärs orientiert blieb. Auch gegen die Solidarnosc 1981.

Diese Memoiren, deren trockene Dramatik darunter leidet, daß sie nicht aus dem polnischen Original übersetzt wurden, sind nicht als Rechtfertigungsschrift gemeint. Aber auch nicht als bloßes Schuldbekenntnis. Beidem versagt sich das soldatische Selbstverständnis des Autors. Er weiß, daß es heute für Polen "keinen anderen Weg gibt als den der parlamentarischen Demokratie und der Marktwirtschaft". Aber er trauert um einen Sozialismus, dessen "unheilbare Krankheit" es war, daß er in Rußland, einem Land ohne demokratische Tradition, geboren wurde. "Das war seine Erbsünde", meint Jaruzelski, ohne mit diesem theologischen Begriff seine Bitterkeit zu versüßen.

Hansjakob Stehle