Nichts in dieser verdreckten Welt ist mehr rein. Das bayerische Bier nicht, das deutsche Weib erst recht nicht. Das ist bekannt – und total egal.

Vergangene Woche allerdings hat eine Meldung dann doch den Panzer unserer Gleichgültigkeit wie ein Geschoß durchschlagen. Auch die legendäre Sachertorte des legendären Wiener Hauses Sacher ist nicht rein, wenn man das Problem rein buttermäßig betrachtet. Statt nämlich mit reiner Butter gebacken zu werden, wie wir bisher vertrauensvoll annahmen, gestattet es die Sachertorte resp. der Hersteller derselben, daß ein Sechstel Margarine der Götterspeise beigemischt wird. Margarine, igitt... Das klingt ganz elend nach Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Diät, gesunder Lebensführung und dergl. Da steigt uns der Armeleutegeruch der Nachkriegszeit in die Nase, nicht der Duft des Hauses Sacher – es ist unfaßbar.

Ans Licht gekommen ist die Sachersauerei in einem seit 1938 anhängigen Gerichtsstreit mit der ebenfalls weltberühmten Wiener Zuckerbäckerei Demel, welche den Anspruch erhebt, die „Originalsachertorte“ zu produzieren, und dies mit der stolzen Behauptung untermauert, daß man im Hause Demel selbstverständlich sechs Sechstel Butter...

Schlimmer für uns als der nun unumgängliche Verzicht auf den Verzehr jeder weiteren Sachertorte ist der vollständige Verlust an Vertrauen. Wer schützt uns vor noch böseren Enthüllungen? Was, wenn in der Mozartkugel sich ein Sechstel Salieri oder gar Süßmayr tückisch versteckte? Der österreichische Schnee: ein Sechstel Kunstschnee? Die österreichischen Berge: ein Sechstel Pappe? Was, so fragen wir in gnadenloser Selbsterforschung weiter, wenn in einem Leitartikel von Robert Leicht ein Sechstel Helmut Schmidt sein sollte? Wenn alles, was wie Butter aussieht, in Wahrheit Margarine ist, dann ist eben nicht alles in Butter, sondern alles im Eimer, um es mal mit einer Pointe erster Sahne zu formulieren.

P.S. Für die Reinheit dieses Beitrages, zu dessen Herstellung ausschließlich erstklassige Zutaten verwendet wurden, geben wir selbstverständlich jede Garantie. Denn: „Zeit ist Reinzeit“ (M. Heidegger). Finis