Was ist Collage? Max Ernst hat es so definiert: "Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene – und der Funken Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt." Und woher kommen diese Realitäten? Von überall her – nur nicht aus der Realität. Sondern aus Büchern, Bildern, Photos, Katalogen, Reklamen. Zitate, Zitate. "An einem Regentag in Köln am Rhein", schreibt Max Ernst, der viele kleine Schöpfungsgeschichten in eigener Sache erdacht und notiert hat, "erregt der Katalog einer Lehrmittelanstalt meine Aufmerksamkeit. Ich sehe Anzeigen von Modellen aller Art, mathematische, geometrische, anthropologische, zoologische, botanische, anatomische, mineralogische, paläontologische und so fort, Elemente von so verschiedener Natur, daß die Absurdität ihrer Ansammlung blickverwirrend und sinnverwirrend wirkte, Halluzinationen hervorrief, den dargestellten Gegenständen neue, schnell wechselnde Bedeutungen gab." Anders als die Kubisten, die das Knirschen bei der Zusammenfügung des Disparaten sichtbar machten, verwischte Max Ernst die Grenzen zwischen den heterogenen Materialien und machte dadurch einen kurzfristigen Affront zu einer anhaltenden Irritation.

Mit dem "Regentag in Köln" ist Max Ernst bereits auf dem Weg nach Paris, ein Umzug, der 1922 auch realiter stattfindet und natürlich zu den Surrealisten führt. Max Ernst ist der ideale Bruder im Geist für André Breton, der in seinem "Manifest des Surrealismus" den Sieg des Traums über die Logik verkündet und das Prinzip Collage oder das, was Breton "Verfremdung" nannte, im Vorwort zu Ernsts Collageroman "La Femme 100 Têtes" als einen Vorgang von überraschender Simplizität beschreibt. Zum Beispiel das Nordlicht. Sieht man es in der Zeitschrift "Die Natur", also wo es hingehört, dann erzeugt es Langeweile. "Kommt es jedoch aus dem Wandschrank, den du öffnest, auf dich zu, so bist du entzückt." So Breton. Und der Betrachter, der bei Max Ernst die Fische in der Luft erblickt und die Vögel im Wasser und das Tapetenmuster als Waldformation und die Tragflächen eines Flugzeugs am Oberkörper einer Frau und die Frau ohne Kopf, was dasselbe ist wie die Frau mit 100 Köpfen, der ist es auch. Immer noch. Weil, anders als das "Surrealistische Manifest" und anders als jede reine Abbildung der Welt, die "jenseits von Malerei" entstandene Kunst von Max Ernst in ihrer die Welten vertauschenden Konzeption so seltsam unverbraucht ist.

Collage als Prinzip, als Philosophie. Auch als Max Ernst sich von den Surrealisten wieder trennte, weil er weder ein fügsames Vereinsmitglied war noch ein berufsmäßiger Revolutionär, entwickelte er Techniken, die von der rezeptiven Bewußtseinshaltung der Surrealisten ausgingen: die Frottage (ein Durchreibeverfahren, mit dessen Hilfe die Strukturen realer Gegenstände quasi durchgepaust werden), die Grattage (die Übertragung der Frottage-Technik auf die Leinwand), die Decalcomanie (eine Art Abziehverfahren), das Dripping (das von Jackson Pollock dann zum Prinzip des Malens gemachte Farbtropfverfahren). Alles Methoden, die, und hier wurde Max Ernst, der sonst so gern in einer phantastischen Bildersprache schrieb, einmal sehr drastisch und deutlich, mit dem "Märchen vom Schöpfertum des Künstlers", diesem "letzten Aberglauben des westlichen Kulturkreises" Schluß machten. Ende des Märchens. Und als er 1925 auf 34 Blättern, Frottage mit Bleistift auf Papier, seine eigene "Histoire Naturelle" ans Licht des Bewußtseins holt, das Blatt in den Baum, das Stück Holz in den Wald und das Auge in den Vogel verwandelt, zitiert er Pascual Jordan und die Erkenntnisse der Mikrophysik, um klarzumachen, daß sein Zweifel am objektiven Dasein der Dinge mehr ist als eine Künstlerlaune.

An einer Wand mit acht Frottagen aus der "Histoire Naturelle" geht man in der New Yorker Ausstellung vorbei, ehe man in einen letzten Raum kommt, der leicht verdunkelt ist und dessen Wände dunkelgrün gestrichen sind. Und hier sind wir, mit großen Bildern wie "Zwei nackte, junge Chimären", "Projekt für ein Vogeldenkmal" und "Der große Wald" nun, aus der surrealistischen Morgenröte kommend, im vollen, dunklen Tag des Werks von Max Ernst angelangt. Und verlassen die Ausstellung mit dem Blick auf ein Bild, das, zur Abwechslung einmal, genau das zeigt, was der Titel verspricht: "Die Jungfrau Maria verprügelt den Jesusknaben". Auch dieses ein Werk des Künstlers, der in dem wunderschönen Selbstgespräch mit dem Titel "Die Nacktheit der Frau ist weiser als die Lehre des Philosophen" die Frage nach dem Tagesablauf eines Malers so beantwortete: "Als erstes bohrt er am Morgen ein Loch in die himmlische Rinde, die zum Nichts führt. Dann köpft er eine Tanne und verfehlt seine Laufbahn ..." Genau das tat Max Ernst. (Die von der Lufthansa subventionierte Ausstellung ist bis zum 2. Mai in New York zu sehen; vom 28. Mai bis zum 29. August in der Menil Collection in Houston; vom 15. September bis zum 30. November im Art Institute in Chicago; Katalog 39,50 Dollar).