Von Christian Wernicke

Die Bürger klagen, die Banker jubeln. Endlich, so schwärmt Michel Camdessus, endlich sei Lateinamerika nicht mehr nur das Eldorado der Zukunft: "Denn die Zukunft hat begonnen, Lateinamerika ist der Kontinent der Gegenwart!" Der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) attestiert der Region nach einem Jahrzehnt Verschuldungsagonie die wirtschaftliche Erholung. Er will nicht sehen, daß dort ein Krebsgeschwür wuchert – das Massenelend. "Wachstum mit Würde" versprechen täglich jene Politiker, die das Erbe der Caudillos und Diktatoren angetreten haben. Doch zwischen dem Rio Grande und Feuerland – so ermittelte die Uno – darbt fast jeder Zweite in Armut, lebt bald jeder Vierte in Not. Wachstum heute, Würde übermorgen – die neuentfesselten Kräfte des freien Marktes drohen die Demokratien sozial zu erdrosseln.

Über hundert Milliarden Dollar flossen innerhalb der vergangenen drei Jahre nach Lateinamerika. Während der vergangenen 24 Monate lockten die Börsianer in Buenos Aires oder Mexiko-Stadt sogar mehr Geld an, als sie nach New York oder London überweisen mußten. Der finanzielle Aderlaß, der seit 1982 den verschuldeten Kontinent mit Zins und Zinseszins ausbluten ließ, scheint gestoppt. Präsidenten und Minister klopfen sich ob dieses kapitalen Vertrauensbeweises der Finanzwelt kräftig auf die Schultern. Doch das Volk kehrt ihnen den Rücken zu: Immer mehr Menschen verweigern den Politikern ihre Stimme, resigniert wenden sie sich ab von einer Demokratie, die doch niemanden satt macht.

Eine wirkliche Wahl, so glauben viele, bleibt ihnen ohnehin nicht. Denn mit Ausnahme von Brasilien, das immer tiefer im Morast von Schulden, Inflation und Pleiten versinkt, hat sich die politische Elite allerorten einer Revolution verschrieben – freilich einer Revolution von oben, die weniger soziale Gerechtigkeit als vielmehr den Segen freier Märkte verheißt. Zuvor waren die beiden Säulen des alten Regimes – der korrupte Paternalismus im Inneren und der teure Protektionismus nach außen – zerbrochen; die explodierende Kreditlast und die galoppierenden Preissteigerungen hatten die Wirtschaft zerrüttet, die traditionelle Politik zur Bankrotterklärung gezwungen. Es begann der Siegeszug des Neoliberalismus.

Seither bestimmen ökonomische Gesetze die Richtlinien der Politik. Also sinken Zölle und Haushaltsdefizite, werden unrentable Staatsbetriebe versteigert. Die Inflation ist gebändigt, das regionale Pro-Kopf-Einkommen steigt wiederlangsam. Dieser Erfolg hat seinen Preis: An den Hütten der Kleinbauern und den Wellblechverschlägen der Slumbewohner in den Metropolen rast dieser Fortschritt vorbei.

Nur Chile konnte 1992 einen deutlichen Rückgang der Armut vermelden. Mit zuletzt zehn Prozent Wachstum avanciert das Land zum Modell – ausgerechnet Chile. Lange Jahre hatte der Andenstaat seinen Nachbarn als schwarzes Schaf gegolten. Denn als die Chilenen vor über zehn Jahren als erste das neoliberale Sanierungsmodell erprobten, da unterdrückte die blutige Militärdiktatur fast alle Proteste von Gewerkschaften und Kirche. Als einer der "Chicago-Boys" bereitete Rolf Lüders damals dem capitalismo salvaje, sozusagen dem beinharten Steinzeitkapitalismus, den Weg. Pinochets ehemaliger Wirtschaftsminister sieht nun mit Genugtuung, wie der demokratische Präsident Aylwin "im wesentlichen unsere Wirtschaftspolitik fortsetzt" und die Nachbarländer "unsere Reformen kopieren".

Dieser Technokrat des Marktes, der heute als Wirtschaftsprofessor an der katholischen Universität von Santiago de Chile lehrt, hält eine Erklärung parat, warum der Neoliberalismus sich inzwischen über den ganzen Kontinent ausbreitete. "Früher brauchten wir zwei Voraussetzungen", sagt Lüders und lächelt kühl. "Zunächst war eine tiefe Krise nötig, um bei Unternehmern wie Gewerkschaftern das Denken und Handeln zu erschüttern. Und dann brauchten wir die absolute politische Macht, um alle Widerstände zu überwinden. Was er damals hatte Verfolgung als Bedingung das sei heute nicht mehr nötig. Denn mit dem Ende des Sozialismus in Osteuropa fehle den Gegnern das ‚Vorbild, die Alternative. Tatsächlich gelang den Schülern von Milton Friedman erst 1989 ihre wirtschaftspolitische Wende. Nur bleibt die Frage: Wenn Demokraten heute Roßkuren so durchpeitschen, wie es früher nur Diktatoren möglich war, was soll dem Volk die Volksherrschaft dann wert sein?