DES MONATS

Er wäre jetzt 86, ein toller Alter, so stelle ich ihn mir vor, der des Abends noch gern ein, zwei Stündchen in der Talk-Show sitzt, seine alten Knochen im Schein der Fernsehlampen wärmt und fröhlich mitkräht. Aber er ist seit über vierzig Jahren tot – am 21. Mai 1949 nahm er sich in einem Hotel in Cannes das Leben.

Klaus Mann mit 86 – eigentlich nicht möglich. Doch dann, nach der Lektüre dieses Buches, dann wieder doch. Es ist der erste Band einer neuen, laut Klappentext „auf vier Bände angelegten Ausgabe seiner essayistischen Schriften“: abzüglich Vorwort und (indiskutabei kümmerlichen) 8 Seiten Anmerkungen vierhundertundachtzig Seiten. Und das bietet nur eine knappe Auswahl aus gerade mal neun Jahren journalistischer Produktion (außerdem, zur selben Zeit, von 1924 bis 1933: Gedichte, Novellen, Stücke, 2 Romane, 1 Autobiographie), geschrieben zwischen 17 und 26, in einem Alter, in dem heutzutage junge Textarbeiter allenfalls mal – na, und so weiter. Hätte diese Energie nicht für ein langes, langes Leben reichen können?

Eine enorme Leistung. Eine enorme physische Leistung, die allerdings intellektuell, um dies gleich zu sagen, weniger beeindruckt. Vieles von dem, was, feierlich aus den Zeitungsarchiven geborgen, in diesem Band ausgestellt wird, hält den Vergleich mit der analytischen Feuilletonistik der Älteren – ob Kracauer, ob Tucholsky (die ihn beide als läppischen Pinsel verachteten) – nicht stand. Wie auch. Klaus Mann war vielleicht, wie oft behauptet, ein Enfant terrible – ein Wunderkind war er ganz sicher nicht. Vor allem gab er, frühreif oder altklug, den rasanten Lehrling, der seine deutschen Meister ehrte und fließend imitierte. Expressionistischer Nachhall durchzieht diese Seiten; Zweig und Werfel haben oft, so scheint es, den Ton vorgegeben; viel ist vom „Herzen“ die Rede.

Aber dem Lehrlingsheftigen des Stils entspricht tatsächlich ein heißes Herz, ein Temperament und ein Einfühlungsvermögen, ein weiches Vorempfinden, in dem sich alles abprägt, was der Zeit ihren Umriß gibt. Das schenkt dieser Sammlung ihren flimmernden Charme: Es ist ein Buch voll Resonanz, ein Dokument, ein Zelluloid, auf dem die Zwanziger in Bewegung geblieben sind. Der Leser geht auf eine Zeitreise durch die Begeisterung und die Angst und die Aufregung jener Jahre; alles zeigt sich ihm ungeklärt wie in einem Tagebuch, frisch und roh.

Klaus Mann beschreibt sich selber voller Enthusiasmus als einen Reisenden – „in Eisenbahncoupés, Hotelzimmern, Wartesälen“ –, einen Reisenden zwischen den Zeiten und quer durch Europa und einmal um die Welt (zusammen mit der Schwester Erika, 1927/28). Vor allem nach Frankreich geht es immer wieder, zu Übervater Gide (Hamsun ist ihm „der größte“, Gide aber „der liebste“), zu den Freunden im Geiste und Leide Cocteau, Crevel, Desbordes, zu dem finster-feurigen Henri Barbusse. Doch da finden sich auch, ganz still und ehrfürchtig, Huldigungen an die großen Europäer der deutschen Literatur, an Hofmannsthal oder Döblin, und immer wieder „das Bekenntnis“ (so sagte man wohl) zu Hans Henny Jahnn, dessen „enormes“ Buch „Perrudja“ für ihn „mit dem ‚Alexanderplatz‘ zusammen das stärkste Erlebnis aus der deutschen Literatur der letzten Zeit“ bedeutete. Dazwischen Erinnerungen in Schwarz, vor allem an jene, die jung starben und sterben: an Trakl und Alain-Fournier, an Radiguet, an den Jugendfreund Ricki Hallgarten, der sich, 27jährig, erschießt.

Ein Leben „zwischen den Zeitaltern“, dem alles zur Station wird, zum Nicht-mehr und Noch-nicht, in Ahnung einer grausigen Zukunft. Und der oft als politischer Kindskopf abgetane Klaus Mann hat es klarer als die meisten gesehen (als sein Vater Thomas Mann zum Beispiel). Vielleicht, weil er selber die Gefährdung in sich spürte. Über den romantisch-versponnenen Roman „Der große Kamerad“ des im Ersten Weltkrieg gefallenen französischen Dichters Alain-Fournier schreibt er 1931: „Mit unserer Vernunft müssen wir die Romantik dieser verführerisch traurigen Sphäre von Tod, Erde, Sehnsucht, Abenteuer und Musik ablehnen, wenn nicht hassen ... in einer geheimeren Gegend unseres Herzens lieben wir sie dennoch. Wir lieben sie mit großer Zärtlichkeit und Treue, wenngleich wir vor ihr ständig auf der Hut sein müssen, damit sie nicht allzu gefährliche Gewalt bekomme über unsere Gedanken, die morgen Taten sein könnten.“