Was kommt nach dem Kommunismus: Demokratie oder Faschismus? Wird es in Osteuropa möglich sein, eine Demokratie zu installieren? Oder wird die Entwicklung eher dem Faschismus zuneigen?

Einen demokratischen Faschismus gibt es nicht. Ein bißchen Demokratie und ein bißchen Faschismus, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es geht nicht darum, ob es Neofaschisten gibt oder ob sie ihre Gedanken artikulieren dürfen. Die Frage besteht darin, ob sie Zugriff auf die Regierungsgewalt haben, ob sie auf verfassungsmäßigem Weg an die Macht kommen können. In einer stabilen bürgerlichen Demokratie spielen Neofaschisten eine marginale Rolle. Als extreme Rechte können sie Krawall schlagen, ihre Wirkungsmöglichkeiten aber bleiben beschränkt, bleibt ihnen doch ein Vordringen in das Regierungszentrum verwehrt. In einer instabilen Demokratie dagegen gelingt ihnen scheinbar verfassungskonform ein Zugriff auf das Machtzentrum, bis sie schließlich dessen Beschränkungen beseitigen und die eigene Diktatur in eine verfassungsmäßige Ordnung verwandeln. Das geschah 1933 in Deutschland.

Ungarn hat bis auf den heutigen Tag eine Demokratie und keine Diktatur. Die Demokratie ist zerbrechlich, sie kann zerstört werden. Es besteht also eine Verschiebung zwischen unserer Wertewahl und unserer geopolitischen Lage. Vielen ist dabei unbehaglich. Zwischen den osteuropäischen Nationen hat der ethnische kalte Krieg begonnen.

Wahnwitzigen Fragen wird erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. Radikale Nationalisten bestimmen die Tagesordnung. Ihre Provokationen und Aggressionen rücken sie in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, ihren Haß machen sie zum allgemeinen Gesprächsthema, die Suche nach dem Feind wird Mode. Beteiligen wir uns am ethnischen kalten Krieg, dann unterwerfen wir uns der Hysterie und verwandeln uns selber in Besessene. Sollte dies geschehen, würde sich die westliche Wertegemeinschaft als stark genug erweisen, um sich gegen uns zu schützen. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie aber versuchen, sich gegen uns abzuschotten.

Wir sind mit der Herausforderung konfrontiert, mit Hilfe aktiver mitteleuropäischer Vermittlung und mit Friedensinitiativen die Gereiztheit gegen uns zu mindern sowie gleichzeitig unsere wirtschaftliche, kulturelle und politische Position in Mitteleuropa zu verbessern. Heute geht es nicht darum, ob wir durch den jeweils anderen zu Reichtum gelangen werden, sondern darum, ob wir ohne einen Krieg und ohne gegenseitiges Abschlachten davonkommen. Wenn in den Völkern Osteuropas eine nationalistische Ideologie die Oberhand gewinnt, dann ist unser Leben in Gefahr und nicht nur unser bisher erreichter bescheidener Lebensstandard.

Ungarn muß deshalb im Donau-Raum eine aktive Außenpolitik betreiben und die bestehenden Beziehungen ausbauen. Wir müssen in der engeren und weiteren Umgebung um Vertrauen werben. Wir sollten nicht nur . den Anschein erwecken, in dieser Region Träger einer bürgerlichen Entwicklung, der Demokratie und der Stabilität zu sein, sondern wir müssen es tatsächlich auch sein. Uns geht es um die Aufrechterhaltung der Stabilität im gesamten Raum, die Förderung der kleinen Schritte und des friedlichen Wandels, den Dialog zwischen den verschiedenen Mentalitäten, den Abbau der Feindmythen.