Beim russischen Weihnachtsfest stand er mit der Kerze in der Hand neben dem Patriarchen Alexij II., Präsident Jelzin und Vizepräsident Ruzkoj. Damals erschien Walerij Sorkin als Apostel der dritten Gewalt, der Rußland durch die Versöhnung der exekutiven mit der legislativen Macht zu retten versprach. Inzwischen hat er dem Parlamentsvorsitzenden Ruslan Chasbulatow geholfen, die damalige Übereinkunft zwischen Präsident und Parlament als „Blendwerk des Teufels“ zu zerreißen.

Was ist in den fünfzig Jahre alten Vorsitzenden des Verfassungsgerichts gefahren? Unbändiger Ehrgeiz, Größenwahn oder schlicht der alte Geist der bolschewistischen Rechtskultur? Mit seiner Parteinahme für den konstitutionellen Putsch der Altkommunisten und Neochauvinisten, mit seiner Beihilfe zu Verfassungsbruch, Vorverurteilung und politischer Manipulation ist Sorkin zum Vollzugsorgan des Obersten Sowjets geworden. Unter den Demokraten Rußlands heißt er inzwischen Towarischtsch Posorkin (vom Wort posor, Schande), „Genosse Schändlich“.

Und wirklich hat Sorkin das Verfasssungsgericht zuschanden geritten. Solange dieser Hofjurist Chasbulatows an der Spitze bleibt und die Mehrheit der Richter ihm folgt, sind die Urteile des dreizehnköpfigen Gremiums keinen Pfifferling mehr wert.

Pathetisch klagte Sorkin, Jelzin hätte zum Roosevelt und de Gaulle Rußlands werden können; auch nach dem jüngsten Volksdeputiertenkongreß habe er mehr Macht besessen als der amerikanische Präsident. Sein Appell endete mit Worten, die er offensichtlich für den Ausnahmezustand – den Jelzin eben nicht verhängte – auswendig gelernt hatte: „Boris Nikolajewitsch, ich habe Mitleid mit Ihnen. Sie haben die Chance verpaßt, Rußlands Retter zu werden. Sie haben sich außerhalb der Verfassung gestellt, kehren Sie um.“

Für Sorkin gab es keine Umkehr mehr. Unterwürfig wie ein Gerichtsdiener bei Gogol wandte er sich am nächsten Tag bei seiner Rede im Parlament zu Ruslan Chasbulatow um, als er beteuerte, daß seine Schlichterrolle auf dem Volkskongreß politisch zweckmäßig gewesen sei.

Der aus dem Dorf Konstantinowka bei Wladiwostok stammende Sohn eines Soldaten hatte von seiner Ausbildung her das Zeug, Rußlandauf dem schweren Weg zum Rechtsstaat beizustehen. Er promovierte über den großen russischen Historiker und Rechtsgelehrten des 19. Jahrhunderts, Boris Tschitscherin, den Zar Alexander III. wegen zu liberaler Gesinnung aus dem Moskauer Bürgermeisteramt verjagte. Sorkins Habilitation beschäftigte sich mit den positivistischen Rechtstheorien in Rußland um die Jahrhundertwende. Doch der politische Ehrgeiz lockte ihn schon früh ins Amt des Parteisekretärs an der Juristischen Fakultät der Moskauer Staatsuniversität. Als Lehrstuhlinhaber für Verfassungsrecht und Staatstheorie an der Rechtsakademie des Innenministeriums war er ex officio auch Oberst dieses Ministeriums.

Auf dem Bücherregal seines Amtszimmers im neuen Verfassungsgericht stand zunächst Lenins Gesamtausgabe. Ihren Platz nehmen heute die Bibel und allerhand religiöse Literatur ein. Der Wandel bestätigt die Kontinuität der Anpassung: Staat und Kirche haben stets verhindert, daß sich in Rußland eine dritte Gewalt herausbilden konnte. C.S.-H.