Von Walter van Rossum

Festzuhalten ist, daß eine genaueste Zusammenstellung nachprüfbarer Fakten jedem Versuch, diese Fakten zu interpretieren, vorausgehen muß." Amen! Verse aus dem Credo eines Biographen mit angelsächsischem Problembewußtsein. Sein Name: Herbert Lottman. Gibt es Tatsachen "vor" der Interpretation?

Gewiß, Gustave Flaubert wurde am 12. Dezember 1821 in Rouen als Sohn eines Chefarztes geboren. Er starb 1880 im Alter von 58 Jahren. Bis heute wissen wir nicht genau, woran: an einem epileptischen Anfall, der ihn von Zeit zu Zeit heimsuchte, am Gehirnschlag, oder setzte sein Herz aus, als er wieder einmal sein Dienstmädchen bestieg? Vielleicht ist er auch ganz einfach am Leben gestorben, an der abgelaufenen Uhr oder an den für ihn unerträglich gewordenen Zeiten? Woran stirbt überhaupt ein Mensch? Andere sagen sogar – ein Mensch stirbt nicht wirklich. Man kann auch gleich fragen: Was heißt Leben? Kurz, man muß sich entscheiden, ob man über ausgestorbene Giraffenarten schreibt oder über Menschen. Für den Flaubert-Biographen Lottman jedoch ist alles eins.

Also könnten wir Lottmans Biographie im Prinzip wieder schließen: Thema verfehlt, methodisch tödlich naiv. Flaubert ist keine Giraffe. Aber das wäre doch ungerecht, denn Lottman hat nur das bestürzend schlichte Rezept der heute gängigen Biographieware ausgeplaudert. Und die erfreut sich wachsender Beliebtheit. Manche sind pfiffiger oder eleganter geschrieben als diese; dafür muß man aber Lottmans gründliche Recherchen loben: Fehler – abgesehen von denen, die sich aus der Methode ergeben – sind nicht zu entdecken.

Aber was hat Lottman überhaupt dazu verführt, seine bescheidene Denkungsart offen darzulegen? Wahrscheinlich – die Wut. Denn sein kleines Credo entpuppt sich bald als Pamphlet mit eindeutiger Stoßrichtung. Gemeint ist: Jean-Paul Sartre. 1971 erschien aus der Feder des französischen Denkers eine mehrtausendseitige Studie über Gustave Flaubert. Sie trägt den skandalösen Titel: "Der Idiot der Familie". Der erste Satz nennt das Programm: "Was wissen wir heute von einem Menschen?" Sartre untersucht am Beispiel Flaubert, wie das Leben lebt, wie ein einzelner sich aus dem Teig der Epoche als Besonderheit hervorbringt, sein Ego schafft – halb Wohnküche, halb Gefängnis. Sartre hat sich nicht zufällig einen Schriftsteller ausgesucht. Es ging ihm auch darum, anhand einer "Kreuzungsfigur" der modernen Literatur einen spezifischen Zug der literarischen Kommunikationsverweigerung zu zeigen und damit bloßzustellen, wie die Literatur zum Instrument eines quälenden Ressentiments gegen die Welt wird.

Sartres Buch hat natürlich die erbsenzählenden hauptberuflichen Flaubert-Philologen auf den Plan gerufen. Wütend haben sie ihm einige Dutzend Fehler auf den dreieinhalbtausend Seiten nachgewiesen, und sie haben keine Mühen gescheut, den schwierigen Toten wieder in die akademische Gruft abzuseilen, um ihn weiter auf dem Strohfeuer der "Tatsachen" schmoren zu lassen. Allerdings hat Sartres schwieriger und wilder Essay es ihnen relativ leicht gemacht. Der "Idiot der Familie" enthält tatsächlich Fehler. Ungenauigkeiten, manchmal verselbständigt sich Sartres Eloquenz zu verbaler Raserei, verfolgen ihn die Furien seiner Obsessionen.

Aber Sartre stand mit dem Rücken zur Wand. Nach dreißig Jahren intensiver Auseinandersetzung mit Flaubert schreibt er dieses Riesenwerk zwischen 1968 und 1971 fast völlig neu. Mit und gegen den Geist von 1968. Er kämpft mit der Feder und Amphetaminen röhrchenweise gegen den Verfall seiner körperlichen Kräfte – um sie am Schluß wirklich einzubüßen. 1973 erblindet er fast völlig, der "Idiot der Familie" bleibt unvollendet. Und trotz einiger Vorblenden dringt Sartre in der Chronologie nur bis zum Jahre 1844 vor, bis zu jenem Wendejahr, in dem Flaubert – 22jährig – eine Art epileptischen Anfall erleidet.