Von Volker Stollorz

Es ist selten, daß Forschungsergebnisse aus der Dritten Welt so für Aufmerksamkeit sorgen wie jene von Manuel Patarroyo. Während Forscher in aller Welt bisher vergeblich nach Wegen zu einem wirksamen Impfstoff gegen Malaria suchen, verblüfft der kolumbianische Biochemiker mit immer neuen Erfolgsmeldungen. Die jüngste: In einer soeben in der Zeitschrift Lancet publizierten Feldstudie in La Tola an Kolumbiens südlicher Pazifikküste erwies sich Patarroyos Impfcocktail bei immerhin vierzig Prozent der Versuchspersonen als wirksam.

Eine wissenschaftliche Sensation? Bisher verlief die Geschichte des kolumbianischen Impfstoffes jedenfalls mehr als stürmisch. Nachdem Patarroyo 1987 erste Ergebnisse seiner Impfversuche an Affen publiziert hatte, stieß er in der Folgezeit auf die Skepsis seiner (nördlichen) Kollegen. Die kritisierten seine ersten klinischen Studien an 20 000 Menschen in Lateinamerika unter anderem deshalb, weil dabei Kontrollgruppen gefehlt hatten. In verschiedenen Kommissionen wurde lang und breit über die Qualität von Patarroyos Forschungsergebnissen und die chemische Zusammensetzung seines synthetischen Impfcocktails gestritten. Mit der jetzt publizierten Studie antwortet der Kolumbianer nun auf die Kritik, Doch ein Teil der internationalen Forschergemeinde ist schon vorher aufgewacht: Anfang des Jahres startete ein unter anderem von der WHO geförderter Feldversuch in einem Dorf in Tansania, der klären soll, ob sich Patarroyos Impfstoff auch dort bei Kindern bewährt, die einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Ob es sich hierbei nur um eine wissenschaftliche Kontroverse handelt oder auch um ein Nord-Süd-Politikum? Klar ist nur, daß der Weg zu einem fertigen Impfstoff noch weit ist.

Ein Grund hierfür liegt in der komplizierten Biologie des Malaria-Parasiten. Die Täuschungsmanöver, mit denen der wandlungsfähige Erreger die menschliche Immunantwort immer wieder unterwandert, sind zahlreich und Spiegel einer langen gemeinsamen Evolution zwischen Malaria-Parasit, Mücke und Mensch. Übertragen werden die Parasiten durch Moskitostiche, mit denen weibliche Mücken (etwa siebzig Arten der Gattung Anopheles) Menschenblut tanken. Direkt nachdem eine infizierte Mücke den Malaria-Parasiten mit ihrem Speichel ins Blut spült, verstecken sich die sogenannten Sporozoiten so flink in den Leberzellen, daß das Immunsystem kaum zuschlagen kann. Wenn der Parasit nach einigen Tagen erneut im Blut auftaucht, erscheint er in völlig neuem Gewand, als Merozoit. Dieser vermehrt sich ausgerechnet innerhalb der roten Blutkörperchen, wo er von der körpereigenen Schutztruppe der Lymphozyten nicht angegriffen wird. Der Parasit übersteht dabei auch die nächsten zwei Gefahrenzonen: die Blutwäsche in der Milz und die frei zirkulierenden Antikörper. Um der ersten Bedrohung zu entgehen, manipuliert Plasmodium falciparum die Außenhaut seiner Wirtszellen derart, daß sie in engen Gefäßen haftenbleiben. Einige Forscher glauben, daß dieses Versteckspiel für Patienten mit Malaria tropica ernste Konsequenzen hat. Weil vor allem im Gehirn Hunderttausende von Parasiten die Blutkapillaren verstopfen, fallen Betroffene in ein Koma.

Listig wehrt sich der Parasit auch gegen den zweiten Verteidigungswall des Immunsystems, die Antikörper. Nach dem Motto "Was ich nicht verstecken kann, muß ich ändern" tauschen die Nachkommen eines Parasiten regelmäßig jene Oberflächenmoleküle aus, die sie dem Immunsystem präsentieren müssen, um es zu täuschen.

Die Folgen dieser immunologischen Bravourstücke sind dramatisch. Selbst in Gebieten, wo Bewohner regelmäßig von Stichen infizierter Moskitos heimgesucht werden, entwickeln Menschen nur eine begrenzte Immunität. Unter den Malaria-Attacken leiden besonders die Kinder. Ist ihr "mütterlicher Impfschutz" aufgebraucht, den sie beim Stillen mit Antikörpern in der Milch aufnehmen, muß das junge Immunsystem im Selbstversuch lernen, die ständig neu ins Blut geschwemmten Parasiten in Schach zu halten. In ländlichen Gebieten Afrikas, in denen die Malaria endemisch ist, stirbt jedes fünfte Kind unter fünf Jahren an den Folgen dieses ungleichen Kampfes, das heißt jede Minute eines. Aber auch Erwachsene, deren Mobilität hoch ist, sind ständig bedroht. Verlassen sie eine malariaverseuchte Region eine Zeitlang, droht ihnen bei der Rückkehr eine Neuinfektion. Ihr Imnunsystem kann sich nicht merken, daß es bereits einmal mit dem Parasiten zu kämpfen hatte, oder dieser präsentiert sich einfach in unbekannten Gewändern.

Wo die Natur allzuoft kapitulieren muß, hoffen die Forscher seit langem, daß ihr mit synthetischen Impfstoffen auf die Sprünge zu helfen ist. Die Strategie ist stets gleich. Zunächst wird nach Molekülen des Parasiten gesucht, die eine starke Immunantwort auslösen können. Entsprechende Proteinabschnitte werden analysiert, im Labor synthetisiert und, vermischt mit Trägersubstanzen, als Impfstoff injiziert. Bisher werden vier verschiedene Strategien parallel verfolgt.