Von Bertram Schefold

„Es wird die Zeit kommen, da alle guten und normal entwickelten Menschen einen anständigen Erwerbstrieb und das Streben nach Individualität, Selbstbehauptung, Ichbejahung verstehen werden zu verbinden mit vollendeter Gerechtigkeit und höchstem Gemeinsinn. Hoffentlich ist der Weg dazu nicht so lang wie der war, der von den Brutalitäten der körperlichen Kraftmenschen zum heutigen Kulturmenschen führte.“ Gustav von Schmoller

Der Name Gustav von Schmoller gebietet noch immer Respekt. Eine Generation von Ökonomen nach dem Ersten Weltkrieg kämpfte darum, sich von diesem Übervater zu lösen, um den Anschluß an den internationalen Stand der Theorie zu finden, um die Konjunkturforschung empirisch zu fundieren, um ein Verständnis des verkannten Problems der Inflation zu finden. Die neue Generation, die sich erst nach 1945 endgültig durchsetzte, erwuchs aus dem Zusammenbruch der alten Ordnung nach 1918. Die Ökonomie zerfiel nun in Einzeldisziplinen, und die Soziologie spaltete sich von ihr ab. Die fachlich und politisch übergreifenden Kompromisse, die Schmoller formuliert hatte, brachen überall auf, um dem strengen Ideal disziplinar scharf abgegrenzter und wertfreier Wissenschaft zu genügen.

Heute fragen wir verwundert, wie Schmollers außerordentlicher Einfluß möglich war. Welches Verständnis von Wissenschaft und Politik erlaubte es ihm, das ungleiche Gespann nationalökonomischer, historischer, soziologischer, methodologischer Forschung zusammenzuhalten und eine Sozialpolitik zu verfolgen, die in alle Bereiche moderner Wirtschaftspolitik ausstrahlte?

Der Sohn eines Verwaltungsbeamten aus Heilbronn studierte Staatswissenschaften in Tübingen, vertiefte sich daneben in Geschichte und Philosophie und hörte Vorlesungen über Naturwissenschaften und Technik. Im Alter von 23 Jahren promovierte er und arbeitete für kurze Zeit in der württembergischen Finanzverwaltung. Dann wurde er Professor in Halle, Straßburg und schließlich in Berlin (1882 bis 1913).

In der jüngeren Historischen Schule, nahm Schmoller eine Führungsrolle ein, so besonders unter den „Kathedersozialisten“. Er war Mitbegründer und Vorsitzender des noch heute bestehenden Vereins für Socialpolitik, durch den er einen starken Einfluß auf die Wirtschaftspolitik ausübte. Zudem gab er maßgebende wirtschaftswissenschaftliche Zeitschriften heraus, so das „Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich“, das später einfach als Schmollers Jahrbuch bekannt wurde. Er gehörte dem preußischen Staatsrat an, vertrat die Universität Berlin im Preußischen Herrenhaus und wurde 1908 geadelt.

Der Ökonom hinterließ ein breites Werk, wobei sich hinter den historischen Schriften in der Regel auch ein aktuelles Interesse verbarg. Seine Arbeiten über das deutsche Gewerbe, vor allem das Buch „Die Straßburger Tucher- und Weberzunft“ (1879), boten einen Hintergrund, vor dem er die Modernisierung und Liberalisierung von Handwerk und Industrie diskutiert. Schmollers Interpretation des Merkantilismus, den er im wesentlichen als den Formationsprozeß des Nationalstaats und der nationalen Wirtschaft betrachtete, ist heute noch Gegenstand der internationalen Diskussion. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war es für Deutschland interessant, ob die Methoden des Merkantilismus gegen wirtschaftliche Rückständigkeit und politische Zersplitterung helfen konnten.