Von Michael Herl

Ein Reihenhäuschen, gelb geklinkert, sauber und durchschnittlich, am Rand einer deutschen Großstadt. Eine große Familie wohnt dort auf drei Stockwerken. Vier Enkelkinder, zwei Väter, zwei Mütter, zwei Omas, ein Hund – und die Urgroßmutter. Sie führen ein normales Leben, die Pahlkes (die Namen aller Betroffenen sind geändert, Anm. d. Red.), sie haben ausgesorgt. Beide Männer arbeiten in gehobenen kaufmännischen Positionen bei einem staatlichen Unternehmen, das Haus ist Familieneigentum und schuldenfrei, man fährt zwei Autos, macht regelmäßig Urlaub. Niemand trinkt, keiner ist vorbestraft, die Kinder nehmen keine Drogen und haben passable Noten, der Hund kläfft nachts nie. Pahlkes sind beliebt und geschätzt im ganzen Viertel.

Am Samstag vor zwei Wochen geschah es dann. Am frühen Morgen tat es einen Schlag unterm Dach, alle stürzten hoch und sahen die 89jährige Uroma Edda Pahlke wimmernd auf dem Fußboden ihrer Mansarde liegen. Mit vereinten Kräften hoben die Männer sie wieder ins Bett. Die alte Frau konnte das linke Bein nicht mehr bewegen. „Wir vermuteten einen Schlaganfall“, sagte die Enkelin. Dennoch wurde die Hausärztin erst am Montag früh gerufen, denn „wir dachten ja nicht, daß es so schlimm ist“. Es war schlimm. Die alte Frau Pahlke wurde sofort mit dem Krankenwagen in die Klinik gefahren. Diagnose: „Schenkelhalsfraktur links“, und dann standen da noch die beiden Wörter: „multiple Weichteilprellungen“. Klartext: Edda Pahlkes Körper wies blaue Hecken auf, und zwar nicht nur auf der Seite, auf die sie gestürzt war. Die verwirrte Frau war offensichtlich geschlagen worden. Festgestellt hatte dies die Sozialarbeiterin der Klinik, erst auf deren Drängen betrachtete sich der Aufnahmearzt die ungewöhnlichen Verletzungen und attestierte sie schließlich. Der Doktor, ein junger Mann, gerade nach dreißig Stunden Dienst auf dem Sprung zu einem Kongreß nach Fernost, er windet sich, will nicht konkret werden, sagt dann aber: „Es ist unwahrscheinlich, daß die Verletzungen von dem Sturz herrühren.“ Dann geht er, murmelt: „Man kommt sich ja vor wie bei der Gerichtsmedizin ...“

Ein Vorfall, nicht selten. Ungewöhnlich ist nur, daß er bekannt wurde. Während die Vergewaltigung in der Ehe und der sexuelle Mißbrauch von Kindern Schlagzeilen machten und zunehmend geahndet wurden, verursacht aber das Thema Mißhandlung alter Menschen noch immer Schweigen. Anders in den USA. Dort gibt es schon seit einigen Jahren umfangreiche Forschungen zum Thema „Gewalt gegen Alte“. Experten schätzen, daß in den Vereinigten Staaten jeder zehnte alte Mensch, der in der Familie lebt, von den Angehörigen mißhandelt wird. Deutsche Alternsforscher wie der Kölner Internist und Psychotherapeut Karl-Heinz Urlaub rechnen für die Bundesrepublik mit „ähnlichen Größenordnungen“.

Es ist meist keine brutale, direkte Gewalt, die pflegende Angehörige ausüben. Oft ist sie subtil, unterschwellig, versteckt. Die Berliner Aiternsforscherin Margret Dieck unterscheidet in Anlehnung an amerikanische Studien zwischen „Vernachlässigung“ und „Mißhandlung“. Die Vernachlässigung geschehe passiv, indem die Angehörigen schlicht nicht erkennen, daß zum Beispiel das Bett gemacht werden muß oder daß der alte Mensch sich wundliegt. Oder aber der Angehörige werde aktiv vernachlässigt, indem er ganz bewußt schlecht oder gar nicht versorgt wird. Die „Mißhandlung“ gliedert Margret Dieck in vier Formen: die körperliche Mißhandlung durch Schlagen, Verbrennen oder Schneiden, die psychische durch Beschimpfen, Einschüchtern oder Drohen, die „finanzielle Exploitation“, indem den alten Menschen ihr Geld genommen wird, und die „Einschränkung des freien Willens“, einer ungesetzlichen Bevormundung in vielen Lebensbereichen.

Nach dieser Definition sind die Deutschen ein Volk von Mißhandelnden und Mißhandelten. In jeder Klinik, jeder Sozialstation, jeder Arztpraxis und in vielen Rechtsanwaltskanzleien sind unzählige von Fällen bekannt, die nur selten an die Öffentlichkeit kommen.

  • Im Februar 1991 wurde in ein Frankfurter Krankenhaus ein 94jähriger Mann eingeliefert. Die Sozialarbeiterin Martina Christmann schrieb in ihrem Bericht: „Der Dekubitus im Bereich des Steißbeins war aufs stärkste entzündet und voll eitriger Sekrete. Die rechte Beckenseite war bereits völlig verfault und hatte an der Oberfläche schwarz eingetrocknete Hautteile.“ Ein Dekubitus entsteht bei längerem unbewegtem Liegen und verursacht anfangs entsetzliche Schmerzen. Der 94jährige war auf Anweisung seiner Tochter angeblich monatelang täglich „vier bis fünf Stunden“ von einem unseriösen privaten Hilfsdienst gepflegt worden. Die Tochter will von dem Leiden ihres Vaters nichts bemerkt haben.
  • Über mehrere Jahre hinweg transportierte ein Angestellter seine über achtzigjährige Tante aus ihrer Frankfurter Wohnung jeweils für drei Tage in eine bayerische Kleinstadt. Sie mußte dort sein Haus putzen. Als die alte Frau erkrankte, zog sie in eine Altenwohnanlage um. Nach einigen Besuchen des Neffen fehlten ein Ring, eine Uhr, ein Kruzifix und die Bibel der streng katholischen Frau, außerdem 60 000 Mark in bar. Strafanzeige will sie nicht erstatten. Zu ihrer Betreuerin sagte die alte Dame: „Der kriegt ja sowieso mal alles.“ Ihn zu enterben, das komme überhaupt nicht in Frage.
  • Während eine Achtzigjährige ihren Sohn in Manila besuchte, gab sie ihren Wohnungsschlüssel einer Schwiegertochter. Nach einem Unfall kehrte die Frau früher als geplant von der Reise zurück und fand ihre Wohnung fast leer vor. „Da standen noch ein Bett, ein Sofa und ein Schrank“, sagt die Altenpflegerin, die die Frau versorgt, „die läßt jetzt ihre ganze Verbitterung an uns aus.“
  • Ein Neunzigjähriger wurde vor drei Wochen mit einer leichten Infektion in ein Frankfurter Krankenhaus eingeliefert. Obwohl er immer wieder beteuerte, er wolle nach seiner Entlassung wieder nach Hause, hatte seine Tochter bereits nach wenigen Tagen die Eigentumswohnung ihres Vaters weitervermietet. „Daddylein, du mußt nur hier unterschreiben“, hatte sie ihn am Krankenbett gebeten. Daddylein unterschrieb – und muß nun ins Heim.