Cape Canaveral

Es ist ein strahlender Tag hier in Florida, der Himmel ist blau, provozierend blau. Das Stars-and-Stripes-Banner flattert im Wind, ruhig ziehen Raubvögel ihre Bahn, und in der Ferne steht daumengroß die Raumfähre Columbia auf der Startrampe. Alles ist seltsam ruhig. Auch die Countdown-Uhr im Vordergrund, auf deren riesige Leuchtziffern eben noch alle geblickt haben, steht still, zu still: 00 : 00 : 03. Nur eine weiße Wolke aus Wasserdampf, die sich langsam von der Startrampe verzieht, dokumentiert noch den Willen, vom Boden abzuheben. Die Fähre wird diesmal keinen weißen Strich in den blauen Himmel ziehen.

Aber einen dicken Strich durch die Rechnung der D2-Mission hat der Fehlstart gemacht. Nach dem Schock bricht Hektik auf der Pressetribüne aus, Fluchen, Tippen, Telephonieren. Längst vorformulierte Artikel werden gestoppt, ein Pressesprecher schüttelt immer noch ungläubig den Kopf: "Das gibt’s doch nicht." Doch, das gibt’s und gab’s sogar schon, wie eine Stimme des Shuttle-Launch-Control über den Tribünenlautsprecher meldet: Bereits zweimal ist ein Start in letzter Sekunde abgebrochen worden, zuletzt 1985 bei der Challenger. Challenger? Der Name weckt Erinnerungen an katastrophale Spuren am Himmel.

Nur mehr eine Sekunde trennte die D2-Astronauten von der Zündung der beiden Feststoffraketen. Einmal gestartet, brennen sie ab wie Feuerwerkskörper und sind durch nichts mehr zu stoppen. Diesmal haben die Computer verhindert, daß die Columbia mit einem defekten Haupttriebwerk abhebt und in eine gefährliche Situation gerät. Für die Nasa und die bemannte Raumfahrt wäre ein zweites Challenger-Unglück das Ende.

Deshalb hat Sicherheit bei ihr absoluten Vorrang – und damit gerät die ausgelaugte Raumfahrtbehörde mit ihrem teilweise veralteten Fluggerät in eine sich selbst verschärfende Zwangslage: Ihre Vorsicht führt zu langwierigen Prüfungen, kostspieligen Ausbesserungen an den Fähren und ständigen Startverschiebungen. Die Leistung sinkt, die Geldnot steigt, und ihr ohnehin ramponierter Ruf geht langsam vor die Hunde. Das Prestige der Raumfahrt schwindet weiter, und Politiker wie Bill Clinton oder Forschungsminister Matthias Wissmann haben verstanden, daß mit Investitionen in das Abenteuer Raumfahrt keine Stimmen mehr zu gewinnen sind. Beinahe beschwörend haben Sprecher der Nasa, der Deutschen Agentur für Raumfahrtangelegenheiten (Dara), der Industrie und der beteiligten Forschungsinstitute dafür plädiert, auch weiterhin Menschen ins All zu schicken. In der Tat ist die Vorstellung, Automaten und Roboter könnten künftig alles übernehmen, derzeit noch ein frommer Wunsch (siehe hierzu den Beitrag Seite 39).

Doch obwohl der Zeitgeist gegen die bemannte Raumfahrt zu Felde zieht, sitzen hier Heerscharen von Journalisten. Alle Welt will offenbar teilhaben an dem Spektakel, wie sieben Menschen ihr Leben riskieren, um in der Schwerelosigkeit zu forschen.

Nun holt die Nasa die Astronauten wieder aus der Fähre. Ulrich Walter steigt als erster aus, tief enttäuscht. Vor etwa einer Stunde haben sich die sieben Raumfahrer über Lautsprecher von ihren Familien und der Nation verabschiedet: Sie seien stolz darauf, dabeizusein und endlich ihre Pflicht tun zu dürfen. Nun sind alle froh, daß sie heil davongekommen sind.

Die Banner werden eingeholt, die Columbia-Fahne abgenestelt. Die Countdown-Anzeige steht noch immer auf minus drei Sekunden, aber der Countdown für die bemannte Raumfahrt läuft weiter. Christian Weymayr