Brief und Siegel darauf: So pflegt man noch immer die Wahrhaftigkeit eines Vorgangs zu bekräftigen. Eine solche Bekundung ist natürlich längst nicht mehr wörtlich zu nehmen. Niemand, der sie im Gespräch erfährt, wird im Ernst ihre schriftliche Form, gar be- oder gesiegelt, erwarten. Das Siegel ist sprichwörtlich geworden.

Was nicht bedeutet, daß es das Siegel, das Be- und Versiegeln, nicht mehr gäbe. Aber längst ist es dem Alltag entrückt und in jene Sphäre zurückgekehrt, in der es seit den frühen Hochkulturen der Menschheit bekannt ist. In Staatskanzleien (und Notariaten) dient es unverändert als Beglaubigungs- und Erkennungszeichen oder Verschluß bedeutender Schriftstücke. Es schützt gegen unbefugte Kenntnisnahme und Verfälschung des Inhalts.

Lange Zeit aber war das Siegel, das sich vom lateinischen Sigillum herleitet, auch dem Alltag zugehörig – und sorgte für einen ganz eigenen Dunstkreis: „Aber war man dann durch das Kontor mit seinem durchdringenden Qualm von Siegellack bis in den Gang hinausgelangt, der die Grenzscheide zwischen dem Geschäft und der Familie bildete, so wurde man von dem hier herrschenden Duft von Damenputz auf die milde Blumenluft der Stuben vorbereitet.“ So beschreibt Jens Peter Jacobsen 1880 in seinem Roman „Niels Lyhne“ die Atmosphäre in einem Bürgerhaus in Dänemark.

Der Qualm bildete sich aus den durch Erwärmung freigesetzten Bestandteilen des Siegellacks: Schellack, Kolophonium, Terpentin und – meist rotem – Farbstoff. Der schmelzende Siegellack erreicht beträchtliche Hitze. Der Umgang mit ihm hatte seine Tücken. Fast selbstverständlich, daß sich Wilhelm Busch ihrer angenommen hat, nämlich in jener Szene, als die fromme Helene über einem heimlich geschriebenen Liebesbrief ertappt wird: „Jetzt Siegellack! – doch weh! alsbald / Ruft Onkel Nolte donnernd: ‚Halt!‘ / Und an Helenens Nase stracks/Klebt das erhitzte Siegelwachs.“

Auch der junge Thomas Mann hatte tagelang Brandblasen an den Händen, weil er es beim Versiegeln des Pakets mit dem einzigen Manuskript seines Erstlings „Buddenbrooks“ an den Verleger Samuel Fischer an Vorsicht fehlen ließ.

Der Vorgang war damals derselbe wie heute: Der geschmolzene Siegellack nimmt die Prägung durch den Siegelstock (Petschaft oder Siegelring) auf, und die erkaltete Masse zeigt dauerhaft das fertige Siegel.

Das Petschaft (die Bezeichnung kommt aus dem Tschechischen) wurde eine Zeitlang wie der Siegelring zum modischen Accessoire. Hanns Henny Jahnn erwähnt in seinem zu Beginn des Jahrhunderts angesiedelten Romanwerk „Fluß ohne Ufer“ einen Dirigenten „mit weißer Weste, aus deren linker Tasche an goldener Kette ein goldener Petschaft heraushing“.