Ein Schriftsteller, von dessen Werken kaum eines im Bewußtsein der Öffentlichkeit gegenwärtig ist – und der doch zur deutschen Republik nach 1945 gehört wie Heinrich Böll. Ein Erzähler, Essayist, Reiseschriftsteller, Rundfunk- und Kinderbuchautor – und vielen doch nur bekannt als Gründer und "Chef" der Gruppe 47. Ein Autor, dessen Anfänge als realistischer Romancier ("Die Geschlagenen", 1949; "Sie fielen aus Gottes Hand", 1951") Thomas Mann gelobt hat: "Ernster Ehrgeiz, großer Wille, in Bildern festzuhalten, was festzuhalten ist von der Verwilderung der Epoche"; dann berühmt, gefürchtet, angefeindet wegen politischer Kampfschriften, die er herausgegeben hat.

Hans Werner Richter, der am 23. März im Alter von 84 Jahren in München gestorben ist, gehört zu den Gründerfiguren der Bundesrepublik. Wie Voltaire und Rousseau vor 200 Jahren mit ihren Büchern und Pamphleten den Zusammenbruch des Ancien régime vorbereitet haben, so hat Richter mit der damals als sensationell empfundenen "Einmischung" von Künstlern in die lähmende Restaurations-Politik der späten Adenauer-Zeit den Wechsel zu einer anderen, vielen als skandalös geltenden, "roten" Regierung vorbereiten helfen.

Wer als Sohn eines Fischers in Bansin auf der Insel Usedom geboren ist, das Rauschen der Wellen als erste Musik vernommen hat, bleibt bedächtig, auch als Revolutionär. Die konservativen, die bewahrenden, die väterlichen Neigungen des in Pommern geborenen Dickschädels waren ein Leben lang in einem oft kauzigen Gleichgewicht mit dem rebellischen Temperament, das zu einem Sozialismus aus Mitleiden drängte.

So einer mußte "Vater" der Gruppe 47 werden. Und war doch immer und zugleich gegen alles. Aus Protest gegen die drohende Nazi-Herrschaft schließt er sich 1930 der KPD an, wird 1933 ausgeschlossen, weil er gegen den Dogmatismus der Stalinisten ist. In amerikanischer Gefangenschaft gehört er zum Redaktionsstab der Lagerzeitschrift Ruf, die er mit Alfred Andersch 1946 in München neu gründet. Aber er ist gegen das Umerziehungsprogramm der Besatzungsmacht – der Ruf wird 1947 eingestellt. Der demokratische Sozialist kämpft für die junge Republik – indem er auf Gegen-Kurs bleibt: Redner der Anti-Atom-Bewegung, der noch nach dem Einmarsch der "Bruder"-Staaten 1968 in Prag "Briefe an einen jungen Sozialisten" schreibt (1974).

Hans Werner Richter war eine widersprüchliche Erscheinung in deutscher Politik und Literatur: skeptischer Kämpfer, behutsamer Störenfried, Gegen-Vater. Rolf Michaelis