Von Manfred Messerschmidt

Windiges aus der deutschen Luftfahrt" war der Artikel überschrieben, der am 12. März 1929 in der von Carl von Ossietzky herausgegebenen Weltbühne erschienen ist. Reichswehrführung, Oberreichsanwalt und Reichsgericht werteten die Ausführungen des Autors Heinz Jäger alias Walter Kreiser als Landesverrat und Gefährdung der Sicherheit des Reiches. Zwei Jahre später wird Ossietzky wegen Landesverrats und Verrats militärischer Geheimnisse angeklagt und verurteilt.

Was aber war "verraten" und wodurch war die Sicherheit des Reiches gefährdet worden? Nähere Prüfung zeigt, daß der Artikelschreiber nicht gerade exakte Informationen zu bieten hatte und schon gar nicht über die heimliche Luftrüstung. (Im Friedensvertrag von Versailles war es Deutschland verboten, Luftstreitkräfte aufzustellen.) Folgende Punkte wurden zur Grundlage der Anklage:

1. beschäftigte sich Walter Kreiser mit einer sogenannten Abteilung M auf dem Flughafen Adlershof im Südwesten Berlins. "M", deutete er an, sei auch der Anfangsbuchstabe des Wortes Militär. Wegen der Anfrage eines SPD-Reichstagsabgeordneten habe Reichswehrminister Groener, um künftig unliebsamen Fragen auszuweichen, diese Abteilung unter dem geänderten Namen "Erprobungsabteilung Albatros" auf die Johannisthaler Seite des Flugplatzes verlegen lassen. 2. hieß es, die Abteilung M sei zu Lande das gleiche, was an der See die Küstenflugabteilung der Lufthansa (die sogenannte Severa-GmbH) darstelle. Beide besäßen je etwa dreißig bis vierzig Flugzeuge, manchmal auch mehr. 3. Nicht alle Flugzeuge seien immer in Deutschland.

Die Sachverständigen des Reichswehr- und des Reichsverkehrsministeriums haben eidlich bekundet, daß die Angaben über "M" und über das Verhalten Groeners richtig seien, also Tatsachen waren. Sie behaupteten außerdem, auch der Vergleich zwischen Abteilung M und Seeflugabteilung entspreche den Tatsachen. Das Besondere an den Tatsachen des Artikels ist, daß sie keine waren.

1. Der Minister Groener hat "M" nicht umgetauft und auch nicht um ein paar hundert Meter von der Adlershofer auf die Johannisthaler Seite des Flugplatzes verlegen lassen, nur weil ein Abgeordneter 1928 im Haushaltsausschuß dumme Fragen gestellt hatte: Schon seit 1924 existierten Pläne für eine Verlegung. Am 3. Februar 1928 teilte der Abgeordnete von Kemnitz im Haushaltsausschuß mit, Adlershof müsse aufgegeben werden, weil der Verpächter den Vertrag nicht verlängern wolle. Seit 1929 schließlich fanden Albatros-Erprobungsflüge in Rechlin am Müritzsee statt. All dies haben die Sachverständigen im Prozeß offensichtlich verschwiegen. Überdies waren schon immer auf der Johannisthaler Seite Erprobungsflüge veranstaltet worden. Mit einer Abteilung M hatte dies nichts zu tun.

2. Schon im Pariser Luftfahrtabkommen vom 21. Mai 1926 waren alle Begrenzungen für den deutschen Luftfahrzeugbau aufgehoben worden. Auch die Beschränkungen der fliegerischen Ausbildung von Reichswehr- und Polizeiangehörigen hatte man gelockert: 72 Reichswehroffiziere durften "auf eigene Kosten" Sportfliegerei betreiben. Daß dies nicht so war, auch nicht in Johannisthal, ist beileibe kein Geheimnis gewesen. Engländer und Franzosen wußten sehr genau, was unter "Sportfliegerei" zu verstehen war, aber es war auch kein Anlaß für sie, dagegen einzuschreiten.