Von Klemens Polatschek

Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es, grob gesprochen, so viele Zeiten in Deutschland wie Orte. In der Nacht zum 1. April 1893 wurden alle lokalen Zeiten abgeschafft und die Uhren auf die Mitteleuropäische Zeit umgestellt, nach der wir uns noch heute richten. Aber dahin war es ein weiter Weg.

Seit Vorzeiten war der Lauf der Zeit an einem Ort der Lauf der Sonnenuhr; der zentrale Punkt der Messung, der Mittag, definierte sich durch den Tageshöchststand der Sonne am Himmel. Diese Sonnenzeiten aber unterscheiden sich für die verschiedenen Orte je nach ihrer Lage auf dem Globus.

Die geographische Breite eines Ortes ist dadurch gegeben, wie hoch die Sonne höchstens gelangt (je weiter nördlich, desto tiefer steht sie); die geographische Länge knüpft sich an die Wanderung der Sonne über den Himmel (je weiter östlich ein Ort, desto früher geht die Sonne auf). Bereits im zweiten nachchristlichen Jahrhundert definierte Claudius Ptolemäus in Alexandria dieses Konzept mathematisch im heutigen Sinn.

Die Breitenmessung hat einen eindeutigen Referenzkreis, den Äquator, und gelingt notfalls auch mit Steinzeitmethoden.

Der Längengrad oder Meridian eines Ortes hingegen sagt nur etwas über die Zeitverschiebung zu einem frei wählbaren Referenzpunkt aus; es gibt auf der Erde keinen irgendwie hervorgehobenen Längenkreis. Im Prinzip genügt es, zum selben Zeitpunkt den Sonnenstand – also die Zeit – an diesen zwei Orten zu kennen, um den Unterschied ihrer geographischen Längen zu erfahren. Eine volle Umdrehung von 360 Grad entspricht 24 Stunden; 15 Grad ergeben also eine Ortszeitdifferenz von einer Stunde.

Wenn man, wie heute, praktisch verzögerungsfreie Kommunikationsmittel besitzt, ist ein solcher Zeitvergleich kein Problem. Eine genau gehende Uhr, die vom einen Ort an den anderen mitgenommen wird, tut es ebenso.