ZEIT: Herr Kopelew, steht nun bevor, was schon so lange befürchtet wurde: Zerbricht die russische Staatsmacht und damit auch das Land?

Kopelew: So wie es heute aussieht, herrscht in Rußland ein kalter Bürgerkrieg. Die Gerüchte jagen sich, wie mir meine Töchter telephonisch aus Moskau berichten, und zwar ganz entgegengesetzte Gerüchte. Nach einem ist Jelzin so gut wie entmachtet, zu einer Position wie der der englischen Königin degradiert; nach einem anderen Gerücht hat er Boden gefaßt. Eines immerhin ist beruhigend: Die Armee bleibt neutral.

ZEIT: Wie würden Sie die Kräfte charakterisieren, die sich jetzt im Machtkampf in Moskau gegenüberstehen?

Kopelew: Jelzin ist schlimm, aber die Anti-Jelzins sind noch schlimmer. Jelzin ist inkonsequent, ist unbelehrbar, ist unberechenbar. Er war vielleicht ein guter Sekretär eines Gebietsparteikomitees. Er war mehr oder weniger gut als Oppositionsführer gegen Gorbatschow. Aber als Regierungschef ist er noch schlimmer, als Gorbatschow war. Aber der Präsident ist immer noch besser als seine Gegenspieler.

ZEIT: Mußte es zu dem Moskauer Entscheidungskampf kommen? Hat Präsident Jelzin große Fehler gemacht, etwa mit der Einführung der Präsidialherrschaft?

Kopelew: Nein, das tat er ja notgedrungen. All das mußte so kommen, weil das ganze neue System ebenso faul ist wie das vorhergehende System. Es herrscht ja immer noch keine Demokratie. Es gibt viele Demokraten in Rußland, ehrliche, gute, aufrichtige, tapfere Demokraten, aber kein demokratisches System. Es gibt keinen Rechtsstaat, der eine demokratische Lebensweise und eine demokratische Politik sichert.

ZEIT: Hätte der Westen das Drama verhindern können?