Hamburg kann sehr kalt sein. Besonders dort, wo die architektonische Wüste anfängt, die schweigende Landschaft zwischen Wohnblöcken und Bauhöfen, Import und Export. In diesem Niemandsland haben Städte weder Vergangenheit noch Zukunft, und die Zeit steht einfach still. Von hier kommt keiner los, nicht als Zuhälter und nicht als Polizist. Denn die Überzeugung, daß es sich nicht lohnt, den Blick zu heben, prägt die Perspektive ein für allemal.

Mit unbewegtem Blick bewegen sich in diesem Film zwei Geschichten aufeinander zu, wie zwei Wagen, die versuchen, einander von der Straße zu drängen. Eigentlich hat die eine Seite mit der anderen nichts zu tun, nur ein Zufall verkeilt sie ineinander. Es gibt eine Handvoll Helden, die keine sind, und eine Handvoll Zuschauer, die auch nicht mehr sehen als die anderen. Und sie alle sind so mit sich selbst beschäftigt, daß sie kaum den Mund aufkriegen. "Schattenboxer" ist ein Film, in dem kein Wort zuviel fällt, eher das eine oder andere zuwenig.

Eddie kommt aus dem Knast, abgeholt wird er nicht. Er fährt mit einem Malermeister mit, der gerade im Gefängnis zu tun hatte und ihm erzählt, wie sein Zellblock gestrichen werden soll. Eddie antwortet nicht. Die Kamera blickt auf die Windschutzscheibe des fahrenden Wagens. Darin spiegeln sich die vorbeifliegenden Räume. So erzählt Lars Becker in seinem Spielfilmdebüt: schweigsam, lakonisch, mit einem Blick, der warten kann, daß etwas geschieht. Wenn nichts geschieht, schließt der Film nach einiger Zeit mit einer Abblende die Augen.

Im Gefängnis hat ein Afrikaner Eddie am letzten Tag vor einer Messerstecherei bewahrt. Weil der Mann nach Ghana abgeschoben werden soll, wo ihn die Todesstrafe erwartet, will Eddie (Diego Wallraff) ihn befreien. Dabei helfen ihm seine früheren Kumpels, der Kickboxer Guido (Ralph Herfort) und der Automechaniker Tayfun (Hussi Kutlucan). Auf der Flughafentoilette überwältigen sie die beiden Abschiebepolizisten und finden bei ihnen einen Haufen Geld. Als die Zeitungen von dem Überfall nichts melden, begreift die Bande, daß die beiden Bullen mit Drogenschmuggel ihr Gehalt aufbessern. Also beschließen sie, ein zweites Mal zuzuschlagen. Aber diesmal hinterlassen sie eine Spur.

Die Abschiebepraxis filmt Becker, der zuvor einen Dokumentarfilm über Afrikaner in Deutschland gedreht hat, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Das wirkt um so brutalen Leute werden verhört, in den Bus gesteckt, zum Flughafen gebracht, von zwei Beamten in Empfang genommen und in die Maschine begleitet. Als einmal einer zu fliehen versucht, wird er in Handschellen zum Exit gebracht. Dort weigert man sich aus Sicherheitsgründen, Fluggäste mitzunehmen, die ihren Flug nicht freiwillig antreten. Dann müsse man eben eine Stunde warten, sagt der Beamte, und über Paris fliegen.

Rasselin (Christian Redl), der Abschieber, wird nicht anders gezeichnet als die Typen von der Bande. Sein Leben auf Flügen zwischen Bangkok, Accra und Ankara, bei denen er vom Zoll unbehelligt Heroin schmuggelt, unterscheidet sich nicht von dem im Niemandsland der Stadt. Seinem Sohn kauft er zum Geburtstag ein Fahrrad, aber seine Exfrau schickt ihn wieder weg, weil ihm nur ein Besuch pro Monat erlaubt ist. Becker zeigt dafür weder Mitleid noch Verständnis, aber eine Geduld in der Beobachtung, die dem Zuschauer viel Raum läßt.

Einmal sagt Guido vor dem entscheidenden Kampf zu seinem Trainer, er brauche sich nicht zu sorgen, er habe Nehmerqualitäten. Woraufhin der Trainer nur den Kopf schüttelt und fragt, wer ihm bloß erzählt habe, daß das Qualitäten sind. So ist der Film. Er kennt nicht den Blues, jene mitleidige Romantik der Verlierer, sondern nur Noir, die Farbe des Schattens, den man nicht los wird.

Michael Althen