Von Christa Wichterich

Jeden Morgen, wenn die Luft in den Straßen noch nicht von Autoabgasen gesättigt ist, schwärmen sie aus, die Männer in den Safranroben. Mit entschlossenen Schritten, manche barfuß, die leeren Eßtöpfe vor die Bäuche gepreßt, machen sich die Mönche auf ihren Beutezug durch Bangkoks Stadtteil Banglampoo.

Vor dem New World, einer zwölfstöckigen Einkaufekathedrale, sind bereits Stände aufgebaut, an denen abgepackte Mahlzeiten und Opfergaben verkauft werden. Sekretärinnen in Rüschenblusen und Bankangestellte mit Schlips und Bügelfalte beugen ihre Knie vor denen, die nach Erleuchtung streben, und überreichen ihre Gaben: Hühnchen auf Reis für das Mönchsfrühstück, Lotosblüten und Räucherstäbchen für Buddha.

Vor langer Zeit gehörte auch die Khaosarn Road zum Revier der Mönche. In erwartungsvollem Schweigen stellten sie sich vor einen der kleinen Handwerksbetriebe oder einen, wie man in Deutschland sagen würde, Tante-Emma-Laden und ließen sich, ohne ihren Blick zu heben, von der Frau des Hauses gekochten Reis in die Eßschale schaufeln.

Dabei waren die Mönche keine Schmarotzer. Die Straße und die nahegelegenen Klöster lebten mit- und voneinander, denn die Bewohner der Khaosarn produzierten und verkauften Tempelrequisiten und Devotionalien. Bis Mitte der siebziger Jahre war die Straße ein typischer Seitenpfad der Hauptstadt Thailands: geschäftig, aber nicht turbulent, beschaulich, doch nicht verschlafen. Handwerk und Handel waren ganz auf den lokalen Bedarf abgestellt.

Eine Arztpraxis gab es damals noch, eine, die einen beißenden Desinfektionsgestank verströmte, während die Patienten auf einer Holzbank draußen vor der Tür in Geduld und Schmerz versunken saßen. Ein chinesisches Hotel mit breiten horizontalen Spiegeln in Betthöhe, eine angestaubte Rechtsanwaltskanzlei, das Vereinsbüro der Kameraden des Ersten Weltkriegs, eine Bank, zwei Suppenrestaurants und eine Billardbar: Die einstöckigen Holzhäuser bildeten eine Einheit von Wohnen und Arbeiten.

Heute durcheilen die Mönche die Khaosarn Road. Viele Geschäfte, verglast und klimatisiert, öffnen erst später am Morgen. Auch anderen Straßen Bangkoks hat der Wirtschaftsboom ein neues Gesicht verpaßt. Doch die Khaosarn ist von, der Moderne besonders heimgesucht worden: Sie ist vor allem zur Zuflucht der Touristen geworden. Diese Gutmeinenden, in Thailand auf der Suche nach dem einfachen, besseren Leben, haben die Khaosarn erobert – und verwandelt.