ZDF, 14. März bis 31. Mai: zehn Filme von Luchino Visconti

Bis Ende Mai zeigt das ZDF eine Reihe von Visconti-Filmen, denen zum größeren Teil das Unrecht der Verstümmelung widerfuhr, nun wiederhergestellt in integraler Fassung. Ein Cutter und eine Drehbuchautorin aus dem engsten Kreis ur, den Regisseur besorgten die ausgemusterten Szenen, die aus politischer Willkür, nationalem Vorurteil und peinlicher Prüderie bisher gekappt waren. Wer im deutschen Kino „Ludwig“ (1972) zu sehen wähnte, sah einen Torso. Nun werden, zu Ostern, Ludwigs Glanz und Elend vierstündig entfaltet.

Mit dem frühen, noch neorealistischen Film „Rocco und seine Brüder“ (1966; Sendung am 28. März um 22 Uhr) ging die Synchronfirma glimpflicher um: Sie nahm bloß vierzehn Minuten heraus. In der Rekonstruktion hört man vor allem, was als anstößig galt. Denn das ZDF beließ die wiedereingefügten Szenen im italienischen Originalton, der untertitelt wird. Über Visconti hinaus, oder hinter ihn zurück, wird ein Stück Filmpolitik in der sorglosen Bundesrepublik sichtbar. Exzesse von Gewalt, Vergewaltigung und Mord wurden zensiert. Aber auch der erzählerischen Kunst wurde Gewalt angetan.

„Rocco und seine Brüder“ ist ein großartiges Epos der sozialen Wanderung von Süd nach Nord, ein Drama der mißglückten Assimilation. Eine vaterlose Familie strandet im Mailänder Winter, auf der Suche nach Solidarität und Arbeit. Letztere gibt es, erstere muß man suchen. Aber in der Metropole des Nordens weiß man nicht einmal, wo Lukanien, die Heimat der binnenländischen Auswanderer, liegt. Unter anderem machte der Neorealismus die Italiener mit Italien vertraut. Er führte das Fremde und die Differenz ein, wo zuvor der Scheinfriede nationaler Identität geherrscht hatte.

Rocco ist überfordert. Ein Märtyrer: Sein Name deutet auf den Pestheiligen Rochus, der unter dem Glassturz auf dem Vertiko der Familie ruht. Alain Delon opfert sich für das Überleben einer Familie, die er nicht zusammenhalten kann. Seine Brüder scheitern je auf ihre Art. Einzig der kleine Luca – sein Name steht für Lukanien, den verarmten, vergessenen Süden – darf eine Hoffnung auf Zukunft nähren. Ihm ist das letzte Kapitel gewidmet, „Luca“ überschrieben. Die Schriftbilder, die jedem der Brüder ein Stück geformtes Leben in Kapiteln geben, wurden damals auch getilgt: vermeintlich, um den Erzählrhythmus des Films zu beschleunigen, in Wahrheit, um ihn empfindlich zu stören. Rocco und seine Brüder hatten die Chance, eine ihnen fremde Welt verschieden wie auch unversöhnlich zu erfahren. Die Synchronpraxis vermasselte jene Erzählform. Es ist gut, daß Narben der Filmgeschichte nicht verschminkt werden. So kann man sehen: wie man früher sah.

Die Restaurationsarbeiten an einem historischen Monumentalgemälde wie „Ludwig“ (Teil 1 am 11. April um 22.15, Teil 2 am 12. April um 22 Uhr) sind im Aufwand noch komplizierter. Nur mittels eines Stimmen-Computers, der den Mittelwert des je geforderten Sprechertyps ermittelte, konnte die Anpassung zwischen der alten und der neuen Tonmischung gelingen. Ein Unternehmen, das man vielleicht mit einer in jeder Generation fälligen Neuübersetzung von (ja:) Proust vergleichen darf. Denn hier geht es um die Wahrung einer zuvor nicht einmal geahnten Polypionie von Dialog, Musik und komponierter Tonspur.

Die schmerzhaften Eingriffe galten einst dem selten vorbildlichen Familienleben eines deutschen Großkünstlers (Wagner) sowie dem fraglichen Sexualleben eines einsamen Königs (dargestellt von Helmut Berger). Vielleicht liebte er die Sehnsucht, Männer zu lieben, weil er nur so „seinem“ Volk nahe kam. Es sind Ludwigs verstohlene, fiebrige Blicke auf badende Diener und trinkende Lakaien, die man vormals nicht teilen durfte. Was aber Viscontis tastende Schwenks über das stille Gelage des Königs mit Gefolge preisgeben, ist kaum Lebensgier, eher tödliche Trauer. Ludwig geht unter den am Boden Liegenden umher wie ein Geschlagener, der seine auf dem Schlachtfeld Gefallenen sucht. Viscontis Inseln der Glückseligkeit sind umspült vom Meer der Vergeblichkeit. Karsten Witte